Hygiene, die

H. hat ihren mythologischen Ursprung in der griech. Göttin Hygieia,  Ὑγίεια, (Göttin der Gesundheit und Schutzpatronin der Apotheker), der Tochter des Asklepios (Gott der Heilkunst). Weiterentwickelt hat sich der Begriff H. zur Bezeichnung von Krankheitsprävention und -intervention, zu den persönlichen und staatlichen Grundlagen der Gesundheitsvorsorge und Erhaltung der Gesundheit. Aufklärung von Bevölkerung, Patienten oder den eigenen Kindern spielt immer schon mit in die H. hinein. Der Begriff ist inzwischen so vielfältig aufgeladen und hat sich in so vielen Bereichen ausgebreitet und gewandelt, dass eine kurze Definition ihm nicht gerecht werden kann. Ein Streifzug durch diese Internetplattform kann hoffentlich zur Begriffsklärung beitragen.

Hygieia
Statue der Hygieia im Los Angeles Country Museum of Art, Original ca. 360 v. Chr. Quelle: Sailko. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

Vgl. etwa Bergler 2009

Diphterie, die

Die D. ist eine akute Atemwegserkrankung, die durch das Corynebacterium diphtheriae hervorgerufen wird. Übertragen wird sie durch Tröpfcheninfektion oder über die Haut. Der Krankheitsverlauf beinhaltet Halsschmerzen und hohes Fieber, Heiserkeit und Schluckbeschwerden und einem Zuschwellen der Atemwege, das lebensgefährlich werden kann. Bekämpft wird die D. mit Antibiotika. Seit 1891 existiert ein von Behring und Kitasato entwickelter Impfstoff, der flächendeckend eingesetzt wird. Die Krankheit ist allerdings nicht ausgerottet, eine Durchimpfung ist notwendig, um neue Ausbrüche zu verhindern.

InfAZ_C_diphtheriae
Elektronenmikroskopische Aufnahme vom Corynebacterium diphtheriae. Quelle: www.rki.de

Vgl. www.rki.de

Tollwut, die

Die T. ist eine akute Viruserkrankung (Lyssavirus) und wird über den Speichel infizierter Tiere übertragen (Zoonose). In der Antike ist sie auf der ganzen Welt eine der meistgefürchteten Krankheiten, eine Infektion verläuft fast immer tödlich. Lange Zeit geht man von einem Ungleichgewicht der vier Säfte bei Tieren mit Tollwut aus, bereits im ersten Jahrhundert n. Chr. beschreibt der römische Philosoph Celsus die T. mit dem lat. Begriff „virus“ (etwas Schleimiges, Giftiges), der über den Tierspeichel übertragen wird; die Idee ist richtig, eine genaue Vortsellung der Krankheit und ihrer Übertragung gewinnt man allerdings erst im 19. Jhdt. 1885 testet Louis Pasteur das erste Mal seinen aus dem Rückenmark von Hasen gewonnenen Impfstoff am Menschen – mit Erfolg. Trotz ihrer Heilbarkeit tötet die T. besonders in Afrika und Asien immer noch Menschen.

Vgl. Dobson 2009

Gebäude, Grenzen und Blut. Medikalisierung und Nation-Building an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, 1910-1930 – Alexandra Minna Stern

Hygienemaßnahmen und die Umsetzung bakteriologischer Erkenntnisse aus Europa sind auch in Amerika im ausgehenden 19. und anbrechenden 20. Jhdt. ein allgegenwärtiges Thema. Die Wissenschafts- und Medizinhistorikerin Alexandra Minna Stern bündelt die medizinischen, politischen und eugenischen Diskurse und zeigt, wie sie an der amerikanisch-mexikanischen Grenze, in El Paso in Texas zusammenlaufen. Sie hat dabei den angloamerikanischen Imperialismus im Blick, den sie auf drei Hauptdiskursebenen festlegt: Gebäude, die zur Registrierung, Eingrenzung und konkret zur Desinfizierung und Impfung von Einwanderern verwendet werden; Grenzen, die als Schwellen zunächst aufnehmen wie auch abweisen können, die aber die Idee territorialer Integrität von Staaten wesentlich ausmachen und neben Landschaften auch Rassen und Körper umfassen können; und Blut, dass in der untersuchten Zeitspanne besonders als Träger von Krankheiten, zunehmend auch von schlechten Erbeigenschaften verstanden wird. Dreh- und Angelpunkt der Untersuchung ist eine Desinfektionsanlage auf einer Brücke über den Rio Grande in El Paso, in dem Einwanderer, vor allem aus Angst vor Fleckfieber, gewaschen, desinfiziert und entlaust werden und das auf industrielle Art und Weise. Das Abschneiden der Haare und das Baden in Kerosin sowie gegebenenfalls eine anschliessende Pockenimpfung gehören zu den Maßnahmen, die vor allem Mexikaner, die den Fluss zur Arbeit überqueren, regelmäßig über sich ergehen lassen müssen. Die Maßnahmen sind hier sogar strenger als am Tor zwischen Europa und Amerika, Ellis Island vor New York und werden bis in die späten 1920er Jahre weitergeführt. 1915/1916 wird die amerikanische Armee eingesetzt, um im Mexikanerviertel von El Paso, Chihuahuita, für hygienische Umstände zu sorgen. Die Maßnahmen der Amerikaner werden als ein Grund für die mexikanische Revolution gesehen. Pancho Villa überfällt nach einem Gefängnisbrand in El Paso 1916, der durch ein desinfizierendes Kerosinbad ausgelöst wird und bei dem alle Insassen (mehrheitlich Mexikaner) umkommen, die Kleinstadt Columbus in New Mexico und tötet über zwanzig Amerikaner. In den 1920er Jahren nähern sich die beiden „Blut-Diskurse“ der Medizin und der Eugenik einander immer stärker an. Sie erzeugen dabei eine rassisch neue Gruppe an der Grenze zu den USA; indem die Mexikaner als sowohl nichtschwarz als auch nichtweiß markiert werden, tragen diese Diskurse dazu bei, Mexiko als vollkommen fremdes Land abzuschotten.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                                    P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

Ansteckungsherde. Die deutsche Bakteriologie als wissenschaftlicher Rassismus, 1890-1920 – Paul Weindling

Obwohl die Bakteriologie sich als zivilisatorisch-aufklärerisches Unterfangen versteht, befruchten sich politische Verhältnisse und Wissenschaftssprache gegenseitig mit rassistischen Tendenzen, die im ersten Weltkrieg stark zunehmen und letztendlich in der Politik und Sprache des dritten Reiches ihren menschenverachtenden Höhepunkt finden. Der Medizinhistoriker Paul Weindling vollzieht diese Entwicklung und die Gründe dafür in Deutschland und Europa nach. Er konstatiert dabei, dass die Arbeit der Hygieniker, mit dem Ziel, Seuchen auszumerzen oder zu verhindern als wesentliche Stütze der imperialistischen Bestrebungen des deutschen Kaiserreichs fungiert. Das macht wiederum die Bakteriologie empfänglich für rassistische Tendenzen. Die Angst vor der Einschleppung von Seuchen wie PestCholera und Fleckfieber durch Auswanderer aus Osteuropa, die oft vor zaristischem Terror fliehen, bahnt sich nach und nach den Weg zu politisch unerwünschten Personengruppen. Dem „Bazillenjäger“ Koch und seinen Kollegen geht es letztlich, die Bakteriologie kann zu großen Teilen als ein Ableger der Parasitologie gesehen werden, um die Vernichtung krankheitsübertragender Organismen. Auch wenn sie selbst kein Interesse an der ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit erkrankter Personen zeigen, wissen bestimmte politische Strömungen, sich die Sprache der Bakteriologie für ihre eigenen Zwecke anzueignen. Die von Koch angestrebte Sterilisation von Bakterien trägt den Funken in sich, an dem sich später eugenische Bestrebungen entzünden können. Die Hygiene- und besonders Entlausungsmaßnahmen, die Einwanderer in die USA auf Ellis Island über sich ergehen lassen müssen und die Vorbild für die Behandlung von Auswanderern aus dem Osten in Deutschland sind, werden dabei oft als medizinisch nutzlos oder zumindest als überzogen kritisiert. Die Cholera-Epidemie, die 1892 in Hamburg ausbricht, verstärkt antisemitische Tendenzen in der deutschen Politik und Bevölkerung. Die Hygienemaßnahmen, die eigentlich auch dem Schutz der Auswanderer selbst dienen, werden immer restriktiver. Während des ersten Weltkriegs arbeiten deutsche Amtsärzte im besetzten Polen noch mit Rabbinern zusammen, um Fleckfieberepidemien in ihren Gemeinden zu verhindern. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil viele der klassischen Entlausungsmaßnahmen (Haare scheren etwa) für orthodoxe Juden besonders übergriffig und entwürdigend wirken. Die Furcht Österreichs vor Progromen, die aus dem allgemeinen Antisemitismus erwachsen könnten, führt die Politik dazu, die jüdische Bevölkerung in Lagern in Sicherheit zu bringen, die bezeichnenderweise bereits „Konzentrationslager“ genannt werden. Historisch kontingente Umstände von Völkerwanderung und Krieg schaffen also letztlich das Klima, in dem sich ein bakteriologischer Rassismus entwickeln kann, der zu den bekannten fürchterlichen Folgen für Deutschland und letztlich die ganze Welt führt.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

Penicillin, das

1928 entdeckt der britische Mediziner Alexander Fleming (1881-1955) durch Zufall, dass sich in einer Staphylokokken-Kultur in seinem Labor Schimmelpilze der Gattung Penicillium angesiedelt haben. Um diese Pilze herum werden die Bakterien abgetötet. Medizinisch genutzt wird diese Erkenntnis aber erst in den 1940er Jahren. P. ist weniger giftig als die zuvor eingesetzten Sulfonamide und kann gegen mehr Erreger eingesetzt werden. Fleming erhält 1945 mit zwei Kollegen den Nobelpreis für Medizin für seine Entdeckung. Das auf Basis seiner Grundlagenforschung entwickelte Antibiotikum P. nimmt vielen Krankheiten ihren Schrecken, darunter Syphilis und Kindbettfieber.

penicillin
Penicillium-Pilz frisst umliegende Bakterienkulturen.

Vgl. Dobson 2009

Unsichtbare Feinde. Bakteriologie und politische Sprache im deutschen Kaiserreich – Christoph Gradmann

Die Sprache, mit der über die aufkommende Bakteriologie in Deutschland im späten 19. Jhdt. von Bakteriologen, Politikern und der Öffentlichkeit gesprochen wird, ist reich an Metaphern, mit der sich Wissenschaft und Weltgeschehen gegenseitig befruchten. Der Wissenschaftshistoriker Christoph Gradmann untersucht dieses Verhältnis und seine Bedeutung im deutschen Kaiserreich. Das Aufkommen der Bakteriologie, das Ackerknecht als das wichtigste medizinische Ereignis des 19. Jhdt.s bezeichnet, trägt unter anderem deshalb ein so großes Heilsversprechen in sich, weil sich die hygienischen Maßnahmen, mit denen sich Krankheitserreger abtöten und Krankheiten verhindern lassen, im Badezimmer reproduzieren lassen. Die Abhängigkeit der Öffentlichkeit von Ärzten und anderen Fachleuten bei der Gesundheitsvorsorge schwindet also mit ihr etwas. Krankheiten bekommen mit der Entdeckung ihrer Erreger durch Bakteriologen wie Koch und Pasteur ein Gesicht für die Medizin wie für die Öffentlichkeit. Dabei spielen auch neue Visualisierungstechnologien (etwa das Einfärben oder das Anlegen von Reinkulturen) eine Rolle. Diese Visualisierung macht dann auch eine Benennung möglich und nötig. Das einfache Bild von der präzisen Wissenschaftssprache und der von Metaphern geschwängerten Sprache der Öffentlichkeit trifft dabei so nicht zu. Die wissenschaftliche Sprache ist selbst von Metaphern aus der Alltagssprache (etwa von der Ansteckung) durchsetzt und mit den neuen Erkenntnissen der Bakteriologie angereichert wandern diese Metaphern zurück in die Alltagssprache. Die wichtigste Metapher in der Kaiserzeit ist die des Krieges. Oft wird auch keine Unterscheidung mehr zwischen Krankheit und Erreger getroffen. In der Metaphorik der Bakteriologie ist auch vom Kranken oder Patienten nicht mehr die Rede, es gibt nur noch die Ärzte und Bakteriologen auf der einen und den Feind, die Mikrobe auf der anderen Seite. Von der Bakteriologie werden dann auch Lösungen politischer Fragen erwartet. So soll die Hygiene etwa soziale Probleme ausräumen. Die Rede des Ministerialrates Althoff von einer „wissenschaftlichen Mobilmachung“ fügt sich in dieses Muster ein, das vom „Bazillenjäger“ Koch selbst auch gerne aufgegriffen wird. Die Metaphorisierung des Verhältnisses von Mensch und Mikrobe bahnt dann den Weg für ihre Gleichsetzung. Der Weg zum „jüdischen Parasiten“ ist kein weiter mehr. Die Politik der Rassisten bedient sich der Sprache der Bakteriologie, die bereits in die Öffentlichkeit zurückgeflossen ist. Dass die Nationalsozialisten mit Zyklon B später ein Schädlingsbekämpfungsmittel zum Massenmord an Menschen einsetzen ist die bittere Pointe von einer sich verselbstständigenden Metaphorik.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

Masern, die

Die M. werden durch das Masernvirus hervorgerufen. Der Erkrankte bekommt starkes Fieber und juckenden Ausschlag. Die Letalität hängt dabei stark vom allgemeinen Gesundheits- und Ernährungszustand der Erkrankten ab. Die M. werden von Mensch zu Mensch übertragen, sie zählen zu den sogenannten Zivilisationskrankheiten, die sich erst mit der Entstehung größerer Städte festsetzen können. Sie werden heute (neben den Pocken) als eine der Hauptursachen für  den Niedergang des Aztekenreiches und die beinahe Ausrottung der nordamerikanischen Ureinwohner eingeschätzt. Entdecker und Reisende verbreiten das Virus über die ganze Welt. In den 1960er Jahren wird ein Impfstoff entwickelt, der 1963 zugelassen wird. Dieser Impfstoff sowie eine bereits durchlittene Infektion sorgen für lebenslange Immunität. In den Industrieländern so gut wie nicht mehr vorkommend sind die M. in vielen Entwicklungsländern nach wie vor die Hauptursache von Kindersterblichkeit.

EM_10_28358c_Masernvirus
Elektronenmikroskopische Aufnahme des Masernvirus in Vero-Zellen. Quelle: www.rki.de

Vgl. Dobson 2009

EHEC, der

E. steht für Enterohämorrhagische Escheria coli. Dabei handelt es sich um einen Stamm von E.coli, der im Darm von Wiederkäuern vorhanden ist. Bei Menschen kann E. schwere Durchfallerkrankungen hervorrufen. E. kann von Tier zu Mensch (Zoonose), von Mensch zu Mensch und über die Aufnahme roher oder nicht ausreichend erhitzter Lebensmittel sowie verunreinigtes Wasser oder Oberflächen übertragen werden. Besonders gefährdet sind sehr junge und sehr alte Menschen und Patienten, deren Immunsystem geschwächt ist.

EM_EHEC-150
Elektronenmikroskopische Aufnahme von EHEC. Quelle: www.rki.de

 

 

Kinderlähmung (Polio), die

Die K. wird durch ein Virus ausgelöst, das bei Befall des zentralen Nervensystems Lähmungen (Poliomyelitis) auslöst. Der Begriff kommt vom griech. „polio“ (grau) und „myelos“ (Substanz) und bezieht sich auf die Entzündung des Rückenmarks. Sie kann bei Kindern auch tödlich verlaufen und bis zur Lähmung der Atemmuskulatur führen (die „eiserne Lunge“ wird für Poliopatienten entwickelt). Bei der größten K.-Epidemie in New York 1916/1917 löst die Krankheit derartige Panik aus, dass Quarantänemaßnahmen ergriffen werden, die denen während der großen Pestepidemien nicht unähnlich sind. Übertragen wird die K. über verunreinigtes Wasser, Hände oder Nahrungsmittel. Gegen den von Jonas Salk 1952 entwickelten Impfstoff, der aus inaktiven Viren besteht und gespritzt wird, setzt sich letztlich die von Albert Sabin 1961/1962 entwickelte Schluckimpfung durch, die mit einem Stück Zucker eingenommen wird. Während die K. in den Industrieländern inzwischen ausgerottet ist, existiert sie immer noch in ärmeren Teilen der Welt.

Vgl. Dobson 2009