EHEC in Deutschland – Eine Medien-Chronik

EHEC in Deutschland – Eine Medien-Chronik

Datum Nachrichten Quelle
23.05.2011 Dutzende Erkrankungen durch ungewöhnlich aggressiven EHEC-Keim (O104:H4) http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-05/durchfall-ehec-erkrankung
24.05.2011 19 Infektionen in Frankfurt gehen auf eine Kantine zurück http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-05/ehec-keim-quelle
25.05.2011 RKI warnt vor Verzehr von Gemüse aus Norddeutschland http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-05/ehec-todesfaelle-verdachtsfaelle
26.05.2011 Zahl der Infektionen verdoppelt sich binnen 24 Stunden auf 214 Fälle http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-05/ehec-erkrankungen-zunahme
Hamburger Hygiene-Institut geht von spanischen Gurken als Infektionsquelle aus http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-05/bakterium-ehec
Keim an vier spanischen Salatgurken gefunden; Ärzte warnen vor Gurken, Tomaten und Salat http://www.manager-magazin.de/politik/artikel/a-764995.html
Supermärkte (Tengelmann, Rewe, Metro) nehmen spanische Gurken aus dem Sortiment http://www.zeit.de/wirtschaft/2011-05/ehec-gurken-verkauf-bauern
Reisende verbreiten Keim in andere europäische Staaten; EHEC-Bestätigung in Großbritannien, Dänemark, den Niederlanden und Schweden http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/gefaehrlicher-darminfekt-ehec-erreicht-nachbarstaaten-deutschlands-a-765090.html
27.05.2011 60 Neuerkrankungen an HuS (hämolytisch-urämisches Syndrom) durch EHEC http://www.zeit.de/wissen/2011-05/ehec-hus-neuinfektionen
Neue Therapie gegen HuS http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/hu-syndrom-neue-therapie-weckt-hoffnung-fuer-ehec-patienten-a-765731.html
Österreich und Tschechien nehmen spanische Gurken aus dem Verkauf http://www.manager-magazin.de/politik/deutschland/a-765545.html
28.05.2011 Spanien schließt zwei Gurken-Großlieferanten-Betriebe wegen EHEC-Verdachtes http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/seuchenalarm-spanien-schliesst-zwei-grossbetriebe-wegen-ehec-verdacht-a-765418.html
Zwei weitere Todesopfer in Hamburg und Kiel; insgesamt acht Tote http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/nierenversagen-darmkeim-ehec-fordert-zwei-weitere-todesopfer-a-765436.html
31.05.2011 Gurken aus Spanien nicht Ursache der Infektionen http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-05/Ehec-Gurken-Erreger
Erstes Todesopfer im Ausland; Schwedin stirbt an Infektion; neues Opfer in NRW http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/tueckischer-darmerreger-ehec-seuche-fordert-erstes-todesopfer-im-ausland-a-765898.html
02.06.2011 Russland stoppt Einfuhr von EU-Gemüse; Kritik aus Brüssel http://www.zeit.de/wirtschaft/2011-06/ehec-gemuese-import-verbot
Zahl der Infektionen und Verdachtsfälle steigt auf 2000 http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-infektionen-anstieg
Wissenschaftler haben das Erbgut des EHEC-Keims ausgelesen; vollkommen neue Gen-Kombination http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/gefaehrliche-darmbakterien-ehec-mysterium-aengstigt-die-welt-a-766339.html
03.06.2011 Erste drei Todesopfer in Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein http://www.manager-magazin.de/politik/deutschland/a-820663.html
07.06.2011 RKI: Opferzahl steigt auf 22 http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-infektionen-todesopfer
08.06.2011 Gefährlicher EHEC-Keim auf Gurkenrest in Magdeburg nachgewiesen; wann der Keim auf die Gurke kam unklar http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-gurke-muell
09.06.2011 Zahl der EHEC-Opfer steigt auf 29 http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-infektion-todesfaelle
10.06.2011 Erstmals EHEC auf Sprossen von einem Biohof in Niedersachsen nachgewiesen http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-sprossen-nachgewiesen
Behörden heben Warnung vor Rohkost-Verzehr auf (Gurken, Tomaten, Blattsalate); Sprossen im Verdacht http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/ehec-epidemie-entwarnung-fuer-gurken-tomaten-und-salat-a-767806.html
12.06.2011 Zu wenige Spendernieren für Ehec-Patienten; viele lebenslang auf Dialyse oder sogar Spenderorgan angewiesen http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-spenderorgane
13.06.2011 Bundesamt für Risikobewertung warnt: bereits Saatgut von Sprossen könnte belastet sein; Abraten von selbstgezogenen Sprossen http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-erreger-sprossensame
14.06.2011 EU beschließt Millionen-Hilfe für Bauern; Umsatzeinbußen allein in Deutschland 60 Millionen €; 210 Millionen Euro Hilfe von EU in ganz Europa http://www.zeit.de/wirtschaft/2011-06/Ehec-Bauern-Entschaedigung-2
Entwarnung: in Bayern auf Salat entdeckter Keim nicht O104:H4 http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-salat-bayern
16.06.2011 Sprossen (Boxhornklee) als Keimursache identifiziert http://www.zeit.de/2011/25/Ehec-Lebensmittelkontrolle
Höherer Blutkonservenbedarf wegen EHEC-Krise; kein Engpass http://www.bild.de/regional/frankfurt/ministerium-ruft-zu-blutspenden-auf-18897258.bild.html
17.06.2011 EHEC-Keim durch Mitarbeiterin einer Catering-Firma auf Lebensmittel übertragen; 20 Infektionen http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-infektionsweg-lebensmittel
18.06.2011 Keim in Bach in Frankfurt a. M. entdeckt; mögliche Ursache Kläranlage http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-bach-hessen
EHEC-Verdacht in Kläranlage in Gütersloh nicht bestätigt http://www.bild.de/regional/ruhrgebiet/ehecverdacht-in-klaeranlage-nicht-bestaetigt-18924378.bild.html
22.06.2011 Russland vermutet Viehzucht als EHEC-Quelle; Importstopp von EU-Gemüse aufgehoben, Einfuhr von Fleich und Milch aus Deutschland eingeschränkt http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/russland-ehec-deutschland
23.06.2011 Gesundheitsminister Bahr verspricht Kliniken Extra-Geld; auch Bauern können Entschädigung einfordern http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ehec-krise-bahr-verspricht-kliniken-extra-geld-a-770217.html
27.06.2011 England und Frankreich schieben sich gegenseitig Schuld an 10 EHEC-Infektionen in Bordeaux zu http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-06/ehec-frankreich-england
Chef der Trinkwasserkommission des Bundesumweltamtes Martin Exner warnt vor möglicher Verkeimung des Trinkwassers; vielfach als Panikmache kritisiert http://www.zeit.de/wissen/2011-06/ehec-fluss-trinkwasser
05.07.2011 EU stoppt Einfuhr ägyptischer Sprossensamen – bis Oktober http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-07/aegyptische-samen-einfuhrstopp
06.07.2011 Spaniens Landwirtschaftsminister fordert 80 Millionen Euro Entschädigung von Deutschland http://www.manager-magazin.de/politik/artikel/a-772704.html
08.07.2011 Bundesinstitut ruft Arzneimittel auf Boxhornklee-Basis zurück http://www.bild.de/news/inland/ehec/rueckruf-von-arzneimitteln-mit-bockshornkleesamen-18758704.bild.html
21.07.2011 Behörden lockern Warnung vor Sprossen – Boxhornklee und Keimlinge aus Ägypten meiden, andere Sprossen können roh gegessen werden http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-07/sprossen-verzehrempfehlung
Münsteraner Forscher entschlüsseln Erbgut von EHEC O104:H4 in nur 62 Stunden. Keim besonders magensäureresistent – im schlimmsten Fall Nierenversagen http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-07/ehec-genomanalyse
05.08.2011 Forscher fordern mehr „Bakterien-Bibliotheken“ als Referenzsammlungen in Deutschland http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-08/lerneffekt-epedemie-ehec
18.08.2011 Die Rache der Gurken-Truppe“; FC Sevilla aus Spanien spielt zur Verteidigung der spanischen Gurke Saison mit dem Slogan „I love pepinos“ („Ich liebe Gurken“) auf den Trikotärmeln http://www.zeit.de/sport/2011-08/hannover-sevilla-gurke-europa-league
12.09.2011 Fazit: Gute Seuchenbekämpfung, schlechte Kommunikation; Bilanz: 3842 Erkrankungen; 855 schwer; 53 Tote http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2011-09/zukunft-lernen-ehec
21.02.2012 Bei EHEC-Infektionen in Hamburg handelt es sich nicht um Typ O104:H4 http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/tod-eines-kindes-hamburger-ehec-keim-anderer-typ-als-bei-epidemie-a-816737.html
08.11.2012 Auch im EHEC-Jahr jeder vierte Betrieb bei Lebensmittelkontrollen beanstandet http://www.bild.de/news/aktuell/lebensmittelkontrollen-jeder-vierte-betrieb-27101962.bild.html
20.05.2014 Gericht weist Schadenersatz-Klage von Sprossenhersteller ab http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/ehec-epidemie-gericht-weist-klage-von-sprossenhersteller-ab-a-970478.html
18.06.2015 Befürchtete dauerhafte Schädigung der Nieren der HuS-Patienten bleibt aus (Kontrolle nach einem und drei Jahren) http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/ehec-ausbruch-2011-was-hat-sich-seitdem-veraendert-a-1038393.html
23.10.2015 Hamburg muss Gemüsegroßhändler wegen Warnung vor spanischen Gurken entschädigen http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/ehec-hamburg-muss-gemuesehaendler-wegen-falscher-warnung-entschaedigen-a-1059370.html

 

Paradigmenwechsel, der

Ein P. ist ein derart bahnbrechendes Ereignis, eine Erfindung, Entdeckung oder Idee (oder eine Kombination aus mehreren dieser Faktoren), dass sich die gesamte Weltanschauung dadurch ändert. Der Begriff wird von dem amerikanischen Wissenschaftsphilosophen Thomas S. Kuhn (1922-1996) in die Wissenschaftstheorie eingeführt. Zwei Paradigmen (Weltanschauungen), die durch einen P. getrennt sind, sind für Kuhn inkommensurabel, d.h. nicht mit dem gleichen Maß messbar. Die Entwicklung der Bakteriologie im späten 19. Jhdt. etwa kann als P. für die Medizin und Hygiene gewertet werden.

Vgl. Kuhn, Thomas S.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1973.

Epidemie, die

Eine E. ist eine Kranheit, die innerhalb kürzester Zeit eine große Menge von Menschen befällt. Der Begriff E. setzt sich aus dem griech. epi („επι“, mitten unter) und dēmos („δῆμος“, Volk) zusammen. Wenn eine Epidemie sich über eine größere Fläche oder Anzahl von Menschen ausbreitet, spricht man von einer Pandemie.

Vgl. Dobson 2009

Scharlach, der

Bei S. handelt es sich um eine bakterielle Erkrankung (Streptococcus pyogenes), die sich in rotem Ausschlag und einer Halsentzpndung äußert. S. betrifft vor allem Kinder.

InfAZ_StreptococcusPyogenes
Elektronenmikroskopische Aufnahme von Streptokokken. Quelle: www.rki.de

Pandemie, die

Die P. ist eine weltweit auftretende Krankheit oder eine Krankheit, die eine große Zahl von Menschen betrifft. Der Begriff setzt sich zusammen aus den griech. Wörtern pān („πᾶν“, alles) und dēmos („δῆμος“, Volk). Beispiele für P. in der Geschichte sind etwa die Pest im Mittelalter oder die spanische Grippe Anfang des 20. Jhdt.s.

Vgl. Dobson 2009

Immunität und Empire. Rasse, Krankheit und die neue Tropenmedizin, 1900-1920 – Warwick Anderson

Anfang des 20. Jhdt.s drehen sich viele Diskussionen in der Kolonialpolitik Großbritanniens um Vorstellungen von Prädispositionen für Krankheiten auf der einen und angeborene Immunität gegen sie auf der anderen Seite. Der Historiker Warwick Anderson untersucht die Vorstellungen von „Rasse“, die in der Tropenmedizin dieser Zeit diskutiert werden. Einheimische etwa auf den Philippinen werden zunächst als mögliche widerstandsfähige Infanteristen gesehen, während (Nord-)Amerikaner und Europäer in gesundheitlicher Hinsicht kaum zu gebrauchen sind. Es ist von einem „Totalausfall der Vitalmaschine“ die Rede, die Schwächung der körpereigenen Abwehrkräfte mache die Fremden besonders anfällig für Krankheiten wie MalariaTyphus oder die Pocken. Umgekehrt scheinen die Einheimischen besonders anfällig für Tuberkulose zu sein. Die Theorien der Tropenmediziner, was die „rassenspezifische“ Anfälligkeit für Krankheiten anbelangt, speisen sich dabei häufig aus Anekdoten und führen sogar zu eugenischen Überlegungen, Einheimische und Amerikaner/Europäer durch die Etablierung von Mischehen zu „kreuzen“ und so die jeweiligen Widerstandskräfte zu bündeln. Auch die Idee, Impfungen mit dem Blut Einheimischer durchzuführen wird durchgespielt. Mit der Vorstellung, dass die Philippinos gegen bestimmte Krankheiten eine natürliche Widerstandskraft besitzen, geht umgekehrt die Überzeugung einher, dass Diejenigen, die trotzdem an ihnen erkranken, sich regelrecht „im Schmutz wälzen“ müssen. Nach und nach verabschiedet sich die Bakteriologie allerdings von der Vorstellung einer angeborenen Immunität und übernimmt verstärkt Pasteurs Idee einer erworbenen Immunität. Die Beobachtung der „Phagozytose“ durch Metchikoff 1884 (weiße Blutkörperchen nehmen fremde Organismen auf und verdauen sie) und die Entwicklung eines Serums gegen Tiertetanus durch Behring und Kitasato 1890 löst eine großangelegte Antikörpersuche in der Bakteriologie aus. Die „Rassendiskussion“ verlagert sich auf die Idee kultureller Anfälligkeiten, hygienische Praktiken werden kritisiert und regelrechte „Hygienemissionare“ werden auf den Plan gerufen. Das argumentative Tandem von „Rasse und Vererbung“ wird also durch das von „Rasse und Kultur“ ersetzt, der diskriminierende, eurozentrische Ton bleibt der Diskussion allerdings erhalten.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                                    P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

Malaria, die

Bei M. handelt es sich um eine parasitäre Krankheit. Die Parasiten (der Arten Plasmodium falciparum, Plasmodium vivax, Plasmodium ovale und Plasmodium malariae) werden durch den Stich der weiblichen Anopheles-Mücke übertragen. Der Name M. setzt sich im 16. Jhdt. durch und bedeutet „schlechte Luft“ (ital. „mal’aria“), er bezieht sich auf die Vorstellung, dass die feuchte Tropenluft mit Miasmen verseucht ist. Man unterscheidet zwischen gutartiger, chronischer und tödlicher Form von M. Im Krankheitsverlauf stellen sich Ausbrüche von heißem und kaltem Schweiß, hohes Fieber, Kopfschmerzen sowie allgemeines Unwohlsein und Schmerzen ein. In schweren Fällen kann es zu chronischer Blutarmut, Koma und letztlich zum Tode kommen. Die Bekämpfung der Malaria läuft hauptsächlich über Abwehr und Bekämpfung der Mücken, die bis zur Trockenlegung von Sumpfgebieten vorangetrieben wird, die ersten Erfolge durch den Einsatz von DDT werden mit der Zeit durch die Erkenntnis getrübt, dass die Mücken in den 1960er Jahren teilweise immun gegen das Gift werden. M. lässt sich lindern, aber nicht heilen. Die wirksamste Methode, die Ausbreitung zu verhindern, sind mit Insektenbekämpfungsmittel behandelte Moskitonetze. Heute fallen der M. weltweit immer noch zwischen einer und drei Millionen Menschen zum Opfer.

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Die Anopheles-Mücke, Überträgerin der Malaria-Parasiten, beim Zustechen.

Vgl. Dobson 2009

Die Visualisierung des Feindes. Über metaphorische Technologien der frühen Bakteriologie – Philipp Sarasin

Ein wesentlicher Faktor, der zum Erfolg der Bakteriologie Ende des 19. und Anfang des 20. Jhdt.s beigetragen hat, sind die neuen Methoden der Visualisierung von Mikroben. Der Historiker Philipp Sarasin untersucht diese technischen Visualisierungsmethoden im Verbund mit den sprachlichen Methoden, die die Forschung und ihre Ergebnisse ausdrückbar und verständlich machen. Die Fortschritte, die der Pathologe Rudolf Virchow 1847 durch die mikroskopische Sichtbarmachung von Zellen gegen die immer noch vertretene Humoralpathologie macht, werden von Robert Koch und seinen Kollegen bald überholt. Virchow klagt darüber, dass Koch „Tarnkappen“ über die Zellen ausbreitet, indem er sich Einfärbungsmethoden bedient, die eben die Mikroben sichtbar machen sollen und die Zellen selbst als unerwünschte Störbilder ausblendet. Seit 1973 arbeitet Koch als Landarzt in Polen bereits mit neuen Methoden an Milzbrandbakterien. Er legt Bakterienkulturen auf transparentem Nährboden (Gelatine) an, infiziert mehrere Mäusegenerationen, nutzt neuartige photographische Verfahren und Anilinfarbstoffe. Sarasin stellt heraus, dass wissenschaftliches Wissen von den Technologien, die es produzieren nicht abzulösen ist. So sehen Zellularpathologen unter ihren Miroskopen tatsächlich etwas anderes als Bakteriologen. Die Sichtbarmachung verläuft allerdings nicht nur auf technischem, sondern auch auf sprachlichem Wege, es besteht eine Ähnlichkeit zwischen den neuen Methoden der Technologie und den Metaphern, mit denen die Forschungsprozesse und -ergebnisse verstanden und kommuniziert werden.Worte sind also ein wesentliches Instrument zur Visualisierung des Unsichtbaren. Sarasin geht soweit, die Metaphern als vierte Evidenz für Koch neben Tierversuch, Reinzüchtung und der photographischen Abbildung herauszustellen, wenngleich Koch sich dieser nicht bewusst sei. Nur die „richtigen Worte“ können im wissenschaftlichen Zusammenhang Wahrheit produzieren. Auf der anderen Seite steht der Weg, den die Metaphern nach den Anfängen der Bakteriologie nehmen: die Rede von der „Invasion“ des Körpers führt zur Übertragung auf unerwünschte Bevölkerungsgruppen (im deutschen Fall aus dem Osten) und die Gleichsetzung von Krankheit und Kranheitsüberträger schafft den Nährboden für die Rede von Personen als „Bakterien“ und „Parasiten“. Gleichzeitig bekommt die Bakteriologie Schwierigkeiten, mit gesunden Bakterienträgern umzugehen (s. „Typhoid Mary„). So bewegt sich der Nutzen von Metaphern zur Aufklärung auf dem schmalen Grat zur Gefahr der Veklärung. Die „Dialektik der Hygiene“ (Romfeld/Buschlinger) droht im Hintergrund.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                                    P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

 

Virus, das

In der Medizin ist das V. ein infektiöser Partikel, der bspw. durch HIV (AIDS) und Influenza (Grippe) bekannt ist. Im Gegensatz zu Bakterien sind Viren nicht dazu in der Lage Stoffwechselvorgänge und Vermehrung selbstständig durchzuführen, sondern benötigen dazu eine Wirtszelle. Nach Anheftung an diese und Einschleusung des Erbmaterials ins Zellinnere, erfolgt die Vermehrung und nachfolgende Ausschleusung neu gebildeter Viren und ruft den Zelltod der Wirtszelle hervor. V. unterscheiden sich zudem in ihrer Größe von Bakterien und können daher erst seit der Einführung der Elektronenmikroskopie sichtbar gemacht werden. Ihre Einteilung erfolgt vor allen Dingen nach der Art des Erbgutes (RNA oder DNA) sowie nach dem Wirtsorganismus, den sie befallen. Die Behandlung von Virusinfektionen gestaltet sich deutlich schwieriger als die bei Bakterien – Antibiotika sind bei Viren unwirksam. Gegen Viruserkrankungen sind vorbeugende Impfungen möglich.

Def.: Dr. Nina Parohl

Bakterium, das

Ein B. ist ein einzelliger Mikroorganismus, der sich durch einfache Querteilung ungeschlechtlich fortpflanzt. B. werden auf Grund ihrer Eigenschaften wie bspw. Gestalt, Temperaturoptimum oder Stoffwechsel in diverse Gruppen unterteilt. Die Lebensweise der B. ist sehr unterschiedlich und zeichnet sich durch besondere Anpassungsfähigkeit an die jeweiligen Umweltbedingungen aus: bspw. DNA-Austausch, Bewegung, Ausbildung von Sporen. Während einige Bakterienarten eine positive Wirkung auf den menschlichen Organismus haben (Darmflora, Hautflora) oder für den Menschen wichtige Stoffe wie bspw. Antibiotika oder Enzyme produzieren, können andere als Krankheitserreger wirken. Zur Behandlung bakterieller Infektionen (Erkrankungen) stellen heutzutage Antibiotika das Mittel der Wahl dar.

Def.: Dr. Nina Parohl