Es muss weg. Die Bekämpfung von Hygieneschädlingen als spezielles Problem der Tierethik – Thomas Höller

Die Geschichte der Bekämpfung von Hygieneschädlingen und ihrer Klassifizierung ist wie so viele Bereiche der Interaktion zwischen Mensch und Tier von Ambivalenzen und zum Teil willkürlich scheinenden Zuschreibungen geprägt. Der Philosoph Thomas Höller arbeitet die besondere Stellung der Schädlingsbekämpfung im Mensch-Tier-Verhältnis allgemein und in der Tierethik im Besonderen heraus. Die Schädlingsbekämpfung sticht insofern aus anderen Bereichen der Mensch-Tier-Interaktion hervor, als sich der Mensch in diesem Bereich in einer defensiven Position befindet (oder zu befinden scheint), aus der heraus die ethische Argumentation abgesichert scheint. In der Geschichte der Schädlingsbekämpfung hat sich der Schädlingsbegriff und die menschliche Sichtweise auf Schädlinge genauso wie die Methoden ihrer Bekämpfung kontinuierlich gewandelt. Die Anwendung einiger paradigmatischer Theorien der Tierethik (kantisch geprägte Tugendethik, Kontraktualismus, Mitleidsethik, pathozentrischer Präferenzutilitarismus) auf das Feld der Schädlingsbekämpfung versucht die Frage zu beantworten, ob unser alltäglicher Umgang mit Haus- und Hygieneschädlingen tatsächlich so eindeutig ethisch einwandfrei und alternativlos ist, wie es zunächst erscheinen mag, oder ob er einer ethischen Revision bedarf. Während vernunftbasierte Ethikkonzeptionen wie auch klassische Vertragstheorien generelle Probleme mit der Integration nicht-menschlicher Tiere haben (von Ausnahmen abgesehen), hat die klassische Mitleidsethik vielfach das gegenteilige Problem einer Unmöglichkeit der Ausgrenzung. Die von Peter Singer ausgearbeitete utilitaristische Variante krankt an der Zufälligkeit und Veränderbarkeit ihrer Prinzipien, kann aber leichter vom Menschen abstrahieren.

Die Tierethik tut sich schwer auf dem unbeliebten, aber für die praktische Ethik notwendiger Weise zu beachtenden Feld der Schädlingsbekämpfung. Ist die Notwendigkeit der Bekämpfung von Hygieneschädlingen aber anerkannt, lässt sich doch einiges über ethisch zulässige Methoden sagen. Auch die Anerkennung bestimmter als Schädling markierter Arten als Teil einer Mensch-Tier-Gesellschaft und die Frage, inwieweit Schädlinge als vielfach vom Menschen geschaffenes oder begünstigtes Phänomen in einen Status des Miteinander-Lebens eingeführt werden können, stehen neuerdings im Raum (Davidson/Kymlicka).

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

Dialektik der Hygiene – Elsa Romfeld/Wolfgang Buschlinger

„Hygiene“ ist nicht nur als Programm der körperlichen Reinigung und Erhaltung der Gesundheit, sondern auch als Paradigma, als Weltanschauung zu verstehen. Die Philosophen Elsa Romfeld und Wolfgang Buschlinger zeigen auf Grundlage von Max Horkheimers und Theodor W. Adornos epochemachendem Werk „Dialektik der Aufklärung“ die Schattenseiten der Hygiene(-aufklärung) auf und wie sich der aufklärerische Impuls in sein Gegenteil verkehren kann. So wie die aufklärerische, aus der „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) befreiende Vernunft zur das Individuum verschluckenden Ideologie werden kann, kann sich die Hygiene vom Heilsversprechen für Individuum und Gesellschaft zum Zwang zu einem Leben im (vermeintlichen) „Reinraum“ entwickeln, der in seiner Ausschließlichkeit keinen Platz für Unreinheit mehr lässt. Dabei ist Leben im keimfreien Raum letztendlich von Vornherein nicht möglich. Der Mensch (wie auch andere Lebewesen) existiert in Symbiose mit unzähligen Mikroorganismen und die untrennbare Konnotation von Bakterien mit Krankheit und Unreinheit führt zu einem verkehrten Bild des Menschen und des Lebens generell, dass das Individuum in der Praxis der Hygiene vor eine von vornherein unlösbare Aufgabe stellt. Zudem funktioniert die klassische, dichotome Einteilung in „gut“ und „böse“ bei Viren und Bakterien nicht so einfach. Die Ausschließlichkeitsbehauptung des hygienischen Paradigmas führt letztendlich zu einer Schädigung des Individuums, da das Leben im Reinraum nicht nur nicht vollständig möglich, sondern unter gesundheitlichen Aspekten noch nicht einmal wünschenswert ist, der Gesundheit zugegen läuft. Dies lässt sich sehr gut an der Entstehung multiresistenter Erreger (MRE) aufzeigen, die ihre Antibiotika-Resistenz erst aufgrund maßlosen Umgangs mit diesen erlangen können. Historisch gesehen lässt sich (wenn der Hygiene-Diskurs hier auch bei weitem nicht der einzige gesamtgesellschaftlich wirksame Diskurs ist) die Vernachlässigung oder Ignorierung der ambivalenten Aspekte der Hygiene und ihrem Hang zur „totalen Reinigung“ in Deutschland von der ersten internationalen Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911 bis zum Wahn der Überwachung und Reinigung des „Volkskörpers“ im dritten Reich nachvollziehen. Der Mensch im wissenschaftsgläubigen, szientistischen Zeitalter wird, immer mehr aus seiner Individualität und Leiblichkeit herausabstrahiert, zum „Homo Faber“ und „homo oeconomicus“.

Vor dem Hintergrund der Einsicht, dass die „Abschaffung“ der Hygiene weder wünschenswert, noch durchführbar ist, bleibt doch die Forderung nach der genauen Analyse und Reflexion des weltanschaulichen Hygiene-Paradigmas, damit es sich nicht zuletzt des Individuums bemächtigt und es unterjocht. Gerade der Bereich des Lebendigen lässt sich zudem nicht isoliert in einem monopolistischen Hygiene-Diskurs beschreiben. Auch die Gefahr der Hygiene, die zum Selbstzweck wird, muss im Auge behalten werden. Hygiene, individuell wie auch gesellschaftlich, muss immer unter dem Aspekt verstanden und betrieben werden, dass sie letztlich einzig dem Wohle des Menschen dient.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

Peter Dettweiler und die ersten Ansätze der Hygieneerziehung in den Tuberkulose-Heilstätten der Kaiserzeit – Andreas Jüttemann

Spätestens seit dem Entstehen der ersten Lungenheilstätten in der Mitte des 19. Jahrhunderts existiert in Deutschland eine Kultur der Hygiene-Aufklärung von Patienten. Der Psychologe Andreas Jüttemann zeichnet die Geschichte und Entwicklung von Tuberkulose-Heilstätten nach. Die Tuberkulose (auch „Schwindsucht“), deren Ursache erst 1882 durch Robert Kochs Entdeckung des Tuberkelbazillus offenbart wird, wird bereits in indischen und chinesischen Chroniken vor über dreitausend Jahren beschrieben. Ihre Geschichte in Deutschland ist auch eng mit der Entwicklung der ersten allgemeinen Kranken- und Sozialversicherungen verknüpft. Vor dem ersten Weltkrieg, nach dessen Ende die Heilstätten hauptsächlich in chirurgische Stationen umgewandelt werden, herrscht hier vor allem eine hygienisch-diätetische Therapiemethode (nach Hermann Brehmer) vor, die mit einer strikten Hygieneerziehung des Patienten einhergeht. Der Arzt Peter Dettweiler bezieht zuerst die Psycho-Hygiene in die Behandlung mit ein, bei der die Orientierung am subjektiven Befinden des Patienten im Mittelpunkt steht. Dazu ist eine enge Beziehung zwischen Arzt und Patient notwendig, der Arzt nimmt dabei die Rolle des Hygiene-Lehrers ein. Ziel soll die Aufklärung des Patienten und seine Erziehung zur hygienischen Mündigkeit sein. Daneben entwickelt Dettweiler aber auch pragmatische Lösungen für den Heilstättenalltag, etwa eine Spuckflasche, die jeder Patient nutzen soll und die die Weiter- und Wiederinfektionsgefahr verringert. Der streng durchgeplante Alltag in den Tuberkulose-Heilstätten der Kaiserzeit soll der Disziplinierung der Patienten dienen. Die gewählten (Luftkur-)Orte liegen zunächst in der Regel vor Allem in Bergregionen (Thomas Manns „Der Zauberberg“ macht die Tuberkuloseheilstätte zum Schauplatz eines Stückes Weltliteratur). Die gleichzeitige Isolation der Kranken ist in diesem Fall ein Nebeneffekt. Ab 1933 werden Kranke dann in gefängnisartige „Krankenhaftanstalten“ eingewiesen und kriminalisiert.

Anhand der Geschichte der Tuberkuloseheilstätten und der aufkommenden Hygieneerziehung in ihnen kann einerseits die Entwicklung bis zu heute gebräuchlichen Behandlungsmethoden nachgezeichnet werden. Andererseits lassen sich gesellschaftliche, politische und soziale Bewegungen nachzeichnen, die sich nicht nur auf die Tuberkulose und ihre Behandlung beschränken, für die sie aber eine nützliche Linse zur Betrachtung darstellt. Die weite Verbreitung der Krankheit macht sie zu einem Spiegel der Gesellschaft von der Kaiserzeit bis in die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

„Der kategorische Imperativ der Nerven und des Blutes“ – Ellen Keys Dispositiv einer Biopolitik im Geiste der Aufklärung? – Kevin Liggieri

Die Eugenik, als eine „Hygiene der Rasse“ gewinnt um 1900 verstärkt an Bedeutung und ist von vornherein nicht als bloße Theorie, sondern im Hinblick auf praktische Umsetzung angelegt. Der Philosoph Kevin Liggieri untersucht vor diesem Hintergrund Ellen Keys sozial- und reformpädagogisches Werk „Das Jahrhundert des Kindes“ (1900), das in der aktuellen pädagogischen Debatte wieder, zum Teil unkritisch, rezipiert wird. In der Zeit, in der dieses Werk erscheint, entwickelt sich die Eugenik langsam vom Stoff für Utopien zu praktisch orientierter, mit medizinischen und evolutionsbiologischen Ansätzen unterfütterten biopolitischen Bewegung. Der Mensch ist zur „Anthropotechnik“, also zur Selbstformung, verdammt. Sowohl Züchtung als auch Erziehung stellen dabei Arten des Zugriffes dar, die das „Mängelwesen“ Mensch verbessern sollen. Es ist also nicht verwunderlich, dass sich diese Diskurse miteinander vermengen. Am Ende des 19. Jahrhunderts dreht sich die humanistische Idee der Aufklärung eines Immanuel Kant oder eines Wilhelm von Humboldt unter dem Einfluss sozialdarwinistischen Gedankengutes (und damit eines Missverständnisses Darwins) gewissermaßen um und führt im 20. Jahrhundert zu den bekannten rassenpolitischen Katastrophen. Diese Tendenz zeichnet sich allerdings bereits bei Ernst Haeckel, der Darwins Schriften in Deutschland populär macht, ab. Aus der bürgerlichen Hygiene als Hilfe zur Gesunderhaltung wird Ende des 19. Jahrhunderts eine Pflicht zur Gesundheit, die sich bald über das Individuum hinaus auf die Rasse erstreckt. Darin lässt sich dann die Redeweise von wertvollem und wertlosem Leben begründen. Vererbung ist also von Anfang an kein neutrales Gebiet, sondern sofort biopolitisch umkämpftes Terrain. Ellen Key macht sich diese Entwicklung zu Eigen und dadurch, dass der Körper des Menschen zum Ansatzpunkt für Veränderung wird, wird eine Re-Materialisierung des Menschen möglich, die den idealistischen aufklärerischen Impulsen zuwider läuft. Key zielt auch auf eine Höherentwicklung des Menschen, die durch erzieherische Maßnahmen (eben auch auf eugenischer Ebene) erreicht werden kann und soll. Teil dieser Maßnahmen soll auch die Regulierung von Eheschließungen sein. Auf dem Altar des optimalen Lebens werden bei Key letztlich, mit pseudo-humanistischen Begründungen, behinderte oder missgestaltete Kinder geopfert.

Ellen Key bedient sich einerseits klassisch aufklärerischer Impulse, denn sie zielt auf eine Änderung der Psyche des Menschen, die dann aber andererseits in eine Eugenik im Sinne physischer Eingriffe (bis zum Leben nehmen) mündet und sich materialistisch vom Idealismus abgrenzt. „Ziehen“ wie auch „Züchten“ agieren beide auf eine bestimmte (mal bewusste, mal unbewusste) Weise mit Zwang und beide haben das Kind als Material und Produkt im Blick. In Kombination mit der Instrumentalisierung oft falsch verstandener (oder zurechtgebogener) naturwissenschaftlicher Theorien kann die Biopolitik im Sinne der Eugenik, scheinbar wissenschaftlich abgesichert, ihren letztlich menschenfeindlichen Kurs bis ins Konzentrationslager fortsetzen.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

Gesellschaft in Bedrängnis – Pest, Hygiene und öffentliche Verantwortung – Klaus Bergdolt

Im 20. Jahrhundert waren die großen Pestepidemien des Mittelalters, wie auch kleinere Ausbrüche in neuerer Zeit, weitgehend in Vergessenheit geraten. Die Berichterstattung über Seuchenausbrüche und –kontrollversuche in der Gegenwart macht eine Beschäftigung mit der Handhabung großer Epidemien in der Vergangenheit aber wieder zu einem „virulenten“ Thema. Der Historiker Klaus Bergdolt untersucht Zusammenhänge zwischen der großen Pestepidemie von 1348 und den Hygiene- und Seuchenschutzmaßnahmen unserer Zeit. Dabei macht er die Feststellung, dass mittelalterliche Behörden in der Regel (ohne diesen Begriff bereits zu kennen) utilitaristisch handelten. Dass Hauptziel der Obrigkeit bei der Seuchenkontrolle ist das Überleben möglichst vieler Bürger, wobei auf die Infizierten, wie auch auf Minderheiten und Fremde wenig Rücksicht genommen wird. Gleichzeitig werden aber häufig auch Seuchengefahren heruntergespielt, mit dem Ziel, die Ordnung des sozialen und wirtschaftlichen Lebens nicht unnötig zu stören. So ist im Falle des Ausbruches einer Epidemie neben der Isolation von Kranken auch das Beruhigen des öffentlichen Gemüts eine Staatsaufgabe (etwa durch Verbot des Läutens von Totenglocken etc.). In Venedig entwickeln sich in dieser Zeit der Begriff und die Praxis der „Quarantäne“, auch weil die Übertragung der Pest über die Besatzung von Handelsschiffen immer offenkundiger wird. Die erste auf Dauer etablierte Quarantäneinsel wird in der Lagune von Venedig dann allerdings erst 1468 etabliert. Die Pestepidemie von 1348 wirbelt sowohl die althergebrachte galenische „Miasmenlehre“, die das Einatmen fauliger Lüfte für Krankheiten verantwortlich macht, als auch die Stände- und Adelsgesellschaft durcheinander, und das auf so wesentliche Weise, dass manche Historiker das Ende des Mittelalters mit eben dieser Pestepidemie zusammenlegen. Fast überall in Europa etablieren sich danach neue Schichten und auch die Medizin erfährt eine grundlegende Hinterfragung.

Der rigorose, teils grausame Umgang der Behörden mit den Infizierten mag zunächst schockierend wirken, legt aber auch die Frage nahe, inwieweit moderne Staaten sich im Falle einer Pandemie anders verhalten würden. Auf alle Fälle lohnt auch im Hinblick auf heutige Hygienezwischenfälle der kritische Abgleich von weltanschaulichen Überzeugungen und politischen Maßnahmen mit einer Zeit und einer Gesellschaft, die den Ernstfall am eigenen Leib erfahren hat.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

Was ist Aufklärung über Hygiene? Ein Streifzug von der Aufklärungszeit bis in die Gegenwart – Hans Werner Ingensiep

Das Feld der Hygieneaufklärung hat bis heute eine schillernde Geschichte vorzuweisen, die in der Antike beginnt und sich vor wandelnden wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Kulissen abspielt. Der Philosoph Hans Werner Ingensiep zeichnet diese Geschichte nach. Von seit der Antike verwendeten Aufklärungsmustern der Diätetik oder Sauberkeit, über das kantische Diktum der Aufklärung als „Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit“ zum missverstandenen „Helden der Mütter“ Semmelweis und den Anfängen des bakteriologischen Zeitalters mit Pasteur und Koch bis hin zur nationalsozialistischen „Reinigung des Volkskörpers“ wird mit der Aufklärung über Hygiene neben selbiger immer auch Politik, Werbung oder Propaganda gemacht. Die Art der Aufklärung durchläuft dabei verschiedene Stadien. Auf der einen Seite stehen Anprangerungen der Hygienezustände in Berlin zu Kants Zeiten (bezeichnenderweise in derselben Zeitschrift, die seinen berühmten Aufklärungs-Aufsatz enthält), die sich im Nachhinein auf den Leibarzt Friedrichs des II. zurückführen lassen. Weniger anonym und „zurückhaltend“ erscheinen dann Äußerungen von Ignaz Semmelweis und später Robert Koch, die in ihrem jeweiligen Wissenschaftsparadigma aufgehen. Die Nationalsozialsten missbrauchen die Kampfsprache der bakteriologischen Hygieneaufklärung dann für ihre eigenen Zwecke, die in der „Entlausung“ in den Gaskammern der KZs ihr wahres Gesicht zeigen. Bei der Werbung für Hygieneprodukte gehen dann Aufklärung und Vermarktung Hand in Hand, wobei der Weg von der Auf- zur Verklärung hier nicht weit ist. Die vermeintlichen Wundermittel der Wissenschaft werden nach dem zweiten Weltkrieg, in dem unzählige Soldaten durch Penicillin gerettet werden konnten, zum Teil zum Fluch. So versursacht der flächendeckende Einsatz des Schädlingsbekämpfungsmittels DDT in den USA in den 1960er Jahren den „stummen Frühling“ (Carson), in dem dann auch keine Singvögel mehr zu hören sind. Im Zuge der 68er-Generation wird der aggressive Ton der Hygieneaufklärung teilweise entlarvt und das Auftreten von AIDS wird nach anfänglicher Hysterie recht schnell unter sehr viel differenzierteren Gesichtspunkten betrachtet. Heute führt die komplexe Gemengelage zwischen Institutionen, Wissenschaftlern und Medien immer häufiger zu Unsicherheiten bezüglich des Hygieneaufklärungsauftrages und der Aufklärungskompetenz.

Die Betrachtung der Geschichte(n) der Hygieneaufklärung bis in die Gegenwart zeigt Chancen und Gefahren aufklärerischer Bemühungen auf. Ein klarer Aufklärungsauftrag oder ein Wissensmonopol, das diesen begründet sind einerseits schwer auszumachen, während sich gleichzeitig auch historische Bedenken hinsichtlich eines solchen Monopoles einstellen. Kulturelle und religiöse Unstimmigkeiten bezüglich der Hygienepraxis mischen sich mit wissenschaftlichen, rechtlichen und medialen Diskursen und machen zum einen den Blick auf die Fakten nicht klarer, zum anderen führen sie die Notwendigkeit einer interdisziplinären Herangehensweise an das Thema „Hygieneaufklärung“ vor Augen.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

Risiko „im Griff“? Ergebnisse des PSYGIENE-Projekts zur Motivationslage bezüglich der eigenen hygienischen Händedesinfektion bei Ärzten und Pflegekräften der Intensivmedizin – Bettina Lutze et al.

Die entscheidende Voraussetzung dafür, das Hygieneverhalten von Akteuren im Gesundheitswesen nachhaltig zu verbessern, ist zunächst die Überzeugung zu schaffen und zu festigen, dass Händehygiene entscheidend bei der Infektionsprävention helfen und dass jeder Einzelne hier persönlich etwas beitragen kann. Die Psychologin Bettina Lutze stellt mit ihren Kollegen die Ergebnisse des Hannoveraner PSYGIENE-Projektes vor, das die Verbesserung der Händehygiene-Compliance (der Umsetzung von Hygienewissen in adäquates Hygieneverhalten) bei Beschäftigten im Gesundheitswesen zum Ziel hat. Um zunächst die Motivationslage zu evaluieren, werden Ärzte und Pfleger verschiedener Stationen mit Fragebögen zu ihrer eigenen Einschätzung befragt. Dabei werden die Ergebniserwartung (die Einschätzung der Wirksamkeit der Händedesinfektion bei der Infektionsprävention) und die Einschätzung der Risikoreduktion durch die Händedesinfektion erhoben. Über drei Viertel der befragten Ärzte und Pfleger gaben dabei eine hohe Motivation und entschiedene Überzeugung der Wirksamkeit von Händedesinfektion generell an. Gleichzeitig zeigten sich aber starke Differenzen in der Einschätzung der Wirksamkeit der persönlich durchgeführten Maßnahmen bei der Keimreduktion. Bei weiteren Untersuchungen zeigte sich aber, dass sich, sowohl bei Ärzten als auch beim Pflegepersonal eine extrem starke Motivation zur Compliance bildet, wenn die Überzeugung der Wirksamkeit des eigenen Hygieneverhaltens gefestigt ist.

Eine Verstärkung der Händehygiene-Compliance in Kliniken lässt sich offensichtlich am besten dadurch erreichen, dass man den Zusammenhang zwischen der regelmäßigen persönlichen Händedesinfektion und der Reduktion von Krankheitserregern klar herausstellt. Maßnahmen wie Schulungen, persönliches Feedback oder Erinnerungssysteme müssen diese Überzeugung dann stützen und mit dem guten Gefühl, Infektionen wirksam verhindern zu können, verbinden. Bundesweite Aktionen können von den Erkenntnissen des PSYGIENE-Projektes profitieren und diese in ihre Kampagnenplanung einfließen lassen.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

Psychologie der Hygiene – Reinhold Bergler

Auch in Zeiten verstärkter öffentlicher Wahrnehmung von Hygienezwischenfällen und –gefahren klafft eine große Lücke zwischen Hygienewissen und praktischer Umsetzung von Hygienestandards. Der Psychologe Reinhold Bergler untersucht die Gründe für die lange Zeit vernachlässigte Tatsache, dass Wissen nicht gleich Praxis ist, von alltäglichen, allgemein bekannten Gesundheitsrisiken wie Alkohol- und Tabakkonsum bis zur korrekten Händedesinfektion des Personals im Gesundheitswesen. Psychologische Barrieren, die die Umsetzung von Hygienewissen in adäquates Hygieneverhalten verhindern, können unter anderem Vorurteile bezüglich der Notwendigkeit oder Wirksamkeit bestimmter Hygienemaßnahmen sein, Unterschiede in der individuellen Hygienesensibilität oder eine falsch eingeschätzte Risikobilanz (etwa bei Kosten-Nutzen-Abwägungen von Impfrisiken vs. Risiken durch Krankheiten). Eine psychologische Barriere stellt außerdem die fehlende Motivationskraft in der Lebenswelt nicht mehr wahrnehmbarer Erkrankungen wie etwa Kinderlähmung dar. Psychologische Untersuchungen zeigen zudem die erschreckende Tatsache, dass in Deutschland nur etwa 45% der Bevölkerung einen präventiven Lebensstil pflegen. Die Untersuchung der Motivation zu hygienisch wirksamem Verhalten und einem präventiven Lebensstil zeigt die Erziehung seitens des Elternhauses (in Deutschland vor allem seitens der Mutter) als stark motivierenden Faktor. Hier liegt Deutschland im europäischen Vergleich, was Vermittlung und Kontrolle von Hygieneverhalten angeht, hinter Frankreich und Spanien. Die Vermehrung nosokomialer Infektionen und multiresistenter Erreger in Krankenhäusern hängt in nicht unerheblichem Ausmaß mit mangelhaft durchgeführter persönlicher Hygiene der Ärzteschaft und des Pflegepersonals zusammen. Um diesen Missstand abzustellen bedarf es zunächst einer genauen Analyse der Motivationslage und Hygieneeinschätzungen der beteiligten Personen, denn Hygieneerziehung und Infektionsprävention funktioniert nur dann zuverlässig, wenn sie auf die Lebens- und Berufswelt des Individuums zugeschnitten ist.

Hier ist vor allem ein Wandel in der Organisationsstruktur der Kliniken gefragt, in denen es teilweise noch immer keine genaue Aufgabenverteilung zur Etablierung von Hygienestandards und ihrer Überwachung gibt. Hygieneerziehung und Prävention sind zuvorderst Führungsaufgaben. Zu diesen Aufgaben gehört auch die Etablierung normativ verbindlicher Hygienerichtlinien, die vielerorts noch fehlen. Bei der Formulierung dieser Richtlinien muss immer beachtet werden, dass nur Wissen, dass mit positiven Gefühlen und Erfolg verbunden ist langfristig zu Verhaltensänderungen motiviert.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

Die Beteiligung von Patienten an der Prävention nosokomialer Infektionen: große Potenziale und manche Schwierigkeiten bei der direkten Ansprache des medizinischen Personals auf seine Händehygiene durch Patienten – Barbara Kröning / Thomas von Lengerke

Nosokomiale Infektionen stellen eine Belastung für das Gesundheitssystem im Allgemeinen und für Krankenhäuser im Besonderen dar und gefährden nicht zuletzt Gesundheit und Leben der Patienten. Die Psychologen Barbara Kröning und Thomas von Lengerke untersuchen die Möglichkeiten und Probleme der Patientenbeteiligung bei der Verbesserung der Händehygiene des medizinischen Personals. Die Übertragung von Krankheitserregern und, besonders schwierig zu handhaben, multiresistenter Erreger von einem Bereich in einen anderen findet zumeist über die Hände der Ärzte und Pfleger (natürlich auch der Patienten selbst und deren Angehöriger) statt. Die Suche nach langfristig wirksamer Verbesserung der Händehygiene-Compliance (also der praktischen Umsetzung hygienischen Wissens) ist also von immenser Bedeutung für die Gesundheit der Patienten. Das Personal wird bei der Compliance sowohl auf sozialer als auch auf psychischer Ebene beeinflusst. Auf sozialer Ebene geschieht dies durch Vorgesetzte, Patienten und Kollegen. Im Falle der Patienten muss hier das Ziel sein, Hemmschwellen abzubauen und sie zur Beteiligung an der Verbesserung der Händehygiene zu befähigen. Die Hemmschwellen sind bei älteren Patienten, die gleichzeitig das höchste Risiko tragen, an nosokomialen Infektionen zu erkranken, am höchsten. Psychologische Faktoren, die die Händehygiene-Compliance beeinflussen, sind zum einen die Überzeugung der Relevanz und Wirksamkeit der Händehygiene bei der Infektionsprävention, zum anderen aber auch eine Motivationsverstärkung durch Ansprache durch die Patienten. Am Uniklinikum Hannover werden im PSYGIENE-Projekt maßgeschneiderte Maßnahmen für verschiedene Stationen und Bereiche entwickelt, die die Händehygiene verbessern sollen. Die direkte Motivation der Patienten durch entsprechende Kampagnen kann, wie Modellversuche in anderen Ländern gezeigt haben, hier sehr wirksam sein. Zunächst muss aber eine Studie die Hemmschwellen und Bereitschaft der Patienten zur Mittarbeit eruieren.

Patientenbeteiligung stellt einen Faktor dar, der die Händehygiene des Krankenhauspersonals entschieden verbessern kann. Dafür müssen die Patienten aber informiert und motiviert werden. Sie müssen über die Relevanz der Händehygiene für ihre eigene Gesundheit und die Gesundheit anderer Bescheid wissen. Darüber hinaus müssen sie die Hemmungen abbauen, das vermeintlich besser informierte Personal und die Götter in Weiß auf ihre Händehygiene anzusprechen. Zusätzlich erschwert wird dieses Vorhaben dadurch, dass sich kranke Menschen grundsätzlich in einem sehr verletzlichen und emotional fordernden Zustand befinden.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

Hygiene im Recht – Alfred Schneider

Die bundesweit zunehmende Berichterstattung über Hygienezwischenfälle (in jüngster Zeit etwa die von den Medien in aller Breite aufgegriffenen Fälle von SARS, der Schweinegrippe, EHEC oder Ebola) rückt Hygienefragen wieder verstärkt in die öffentliche Aufmerksamkeit. Diese Zwischenfälle verlangen nicht nur nach medizinischen Interventionen, sondern stellen auch das Recht vor Herausforderungen hinsichtlich ihrer Beurteilung und Einordnung. Der Rechtsanwalt Alfred Schneider zeigt Schwierigkeiten in der rechtlichen Einschätzung und Handhabung hygienerelevanter Probleme auf, die bei konkurrierender Gesetzgebung zwischen Bund und Ländern sowie auf europäischer Ebene anfangen, sich über das Problem der Festlegung pragmatischer Meldefristen bis zur Festlegung von Hygienestandards und Qualitätskontrollen in Krankenhäusern stellen. All diese gesetzgeberischen Ebenen gilt es miteinander in Einklang zu bringen, denn es gibt in Deutschland kein einheitliches Hygienerecht. Auch im Lebensmittel-, Wasser-, Medizinprodukte- und selbstverständlich Krankenhausrecht werden hygienerelevante Aspekte des Verbraucher- und Patientenschutzes geregelt. Die Vorsorgepflicht des Staates setzt allerdings bereits bei der Prävention von Infektionen durch Information und Aufklärung ein (etwa durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung). Dazu kommen Richtlinien des Robert-Koch-Institutes, das hier aber in beratender Funktion tätig ist, denn diese Richtlinien haben keinen Verbindlichkeitscharakter. Durch die „Technischen Regeln für biologische Arbeitsstoffe“, die wiederum der berufsgenossenschaftlichen Gesetzgebung angehören, sollen unter anderem Gefährdung und Verletzungen des im Gesundheitswesen tätigen Personen verhindert werden. Subsumiert wird die Hygiene vor allem im Gesundheitssektor unter die sozialrechtlich geforderte Qualitätssicherungspflicht und ist damit Teil eines umfassenden Qualitätssicherungsmanagements. Gesondert geregelt werden müssen selbstverständlich auch die mannigfaltigen Probleme, die im Verhältnis zwischen Arzt und Patient entstehen, zuvorderst Probleme der Information und Aufklärung.

Die vielfältigen Bereiche, in denen das Recht Bezug auf die Hygiene nimmt, lassen sich nicht leicht einheitlich darstellen und können leicht in Konflikt miteinander geraten. Prävention durch Hygieneaufklärung wird dabei als öffentliche und staatliche Aufgabe formuliert. Das Selbstbestimmungsrecht des Patienten erfordert wiederum eine Aufklärung über hygienerelevante Risiken und Probleme durch Krankenhäuser im Allgemeinen und behandelnde Ärzte im Besonderen.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.