Legionellen

Stäbchenförmige, im Wasser lebende Bakterien aus der Familie der legionellaceae. Die für menschliche Erkrankungen bedeutsamste Art ist legionella pneumophilia. Sie kann die Legionellose oder Legionärskrankheit auslösen. Legionellen können durch Erhitzen des Wassers auf über 60º Celsius abgetötet werden.

Legionella pneumophila. Raster-Elektronenmikroskopie. Maßstab = 1 µm. Quelle: Norbert Bannert, Gudrun Holland (2008)
Elektronenmikroskopische Aufnahme von Legionellen. Quelle: www.rki.de

Vgl. www.rki.de

Legionellose (Legionärskrankheit), die

Durch legionella pneumophilia (Bakterien) hervorgerufene Erkrankung beim Menschen. Die beiden häufigsten Formen sind die durch Tröpfeninfektion hervorgerufene Lungenentzünung, die tödlich verlaufen kann und das seltenere, meist mild verlaufende Pontiac-Fieber. Die Legionärskrankheit erhielt ihren Namen aufgrund eines Treffens von US-Kriegsveteranen 1976 in einem Hotel in Philadelphia, bei dem 181 Personen an einer gefährlichen Lungenentzündung erkrankten. Behandelt werden muss die Krankheit mit Antibiotika.

Vgl. www.rki.de

Cholera, die

Durch Vibrio cholerae (Bakterien) hervorgerufene, schwere Infektionskrankheit, vorwiegend des Dünndarms. Übertragen wird die C. durch bakteriell verseuchtes Wasser und Nahrungsmittel, die Übertragung von Mensch zu Mensch wird für möglich, aber selten gehalten. C. führt zu extremem Durchfall und starkem Erbrechen, Todesgefahr durch Austrocknen und Elektrolyteverlust besteht. Die ersten Cholera-Epidemien in Europa treten ab dem 19. Jahrhundert auf. Behandelt wird die C. antibiotisch und durch Ersatz der verlorenen Flüssigkeit (am besten intravenös, aber auch durch die günstige ORT, orale Rehydrationstherapie möglich).

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Elektronenmikroskopische Aufnahme von Vibrio cholerae. Quelle: www.rki.de

Vgl. Dobson 2009

 

Hygiene in Arzt- und Krankenhausserien. Leitfaden für die Praxis oder Zerstreuung für das Abendprogramm? – Tim Lieske

Die Häufung von Hygiene-Skandalen in Deutschland, die in Zusammenhang mit multiresistenten Erregern und Krankenhausinfektionen (nosokomialen Infektionen) stehen, fordert eine forcierte Aufklärung nicht nur der Gesellschaft im Allgemeinen, sondern besonders der Akteure im Gesundheitswesen. In amerikanischen (wie auch in deutschen) Arzt- und Krankenhausserien wird immer mehr auf eine authentische Darstellung medizinischer Fakten und Prozeduren geachtet. Die Produzenten und Regisseure greifen dafür auf Beratungsfirmen zurück, die sich darauf spezialisiert haben, medizinisches Expertenwissen in TV- und Kinoformate zu übertragen. Der Mediziner Tim Lieske untersucht vor diesem Hintergrund ausgewählte TV-Serien auf ihre Tauglichkeit als Schulungsmaterial für angehende Mediziner, Pfleger oder die interessierte Öffentlichkeit. Nach einem Streifzug durch die Behandlung des Themas „Hygiene“ in der Film- und Fernsehgeschichte wird die Frage erörtert: lassen sich gezielt Szenen etwa aus den amerikanischen Serien „Scrubs“ oder „Grey’s Anatomy“, die beide auch in Deutschland sehr hohe Einschaltquoten erzielen, auswählen, die hygienerelevante Prozesse exakt genug darstellen, um als vorbildlich gelten zu können? Nach einer zufälligen Auswahl von je zehn Folgen der jeweiligen Serie werden, bei Anwendung deutscher Hygienestandards, die Bereiche Klinikalltag, OP (Chirurgie) und Haustechnik auf die korrekte Umsetzung hygienerelevanter Prozesse untersucht. Dabei wird nicht nur das Verhalten der Ärzte und Pflegenden in den Fokus der Untersuchung gerückt, das von der korrekten Händedesinfektion bis hin zu Kleidungsanlage und dem Ablegen von Schmuck kontrolliert wird, sondern auch das ebenso hygienerelevante Verhalten der Patienten und deren Angehöriger, die durch den häufig sehr engen Kontakt zu ihnen einen besonderen Faktor hygienischer Risiken im Klinikalltag darstellen. Ein eigens erarbeiteter Kontrollbogen soll genau so die Häufigkeit korrekt angewandter Hygieneprozeduren wie auch ihre falsche Anwendung oder Unterlassung in den jeweiligen Serien herauskristallisieren. So lassen sich nicht nur beispielhafte Szenen für die Schulung auswählen, sondern auch solche, an denen sich im Klinikalltag oft verheerend wirkende Fehler bei der Hygiene vorführen lassen.

Arzt- und Krankenhausserien eignen sich vor Allem aufgrund ihrer hohen Popularität und breiten Rezeption zur Sensibilisierung auch breiter Bevölkerungsschichten für Hygienefragen. Das Identifikationspotential der Protagonisten dieser Serien ist sehr hoch und kann somit eine zusätzliche emotionale Triebfeder für die Hygieneaufklärung darstellen.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

„Schwulenseuche“ und „Homopest“? (Ent-)Stigmatisierung von Homosexualität und HIV/Aids im Medium Spielfilm – Constanze Fiebach

AIDS, bzw. HIV sind im kollektiven Bewusstsein seit den ersten öffentlich wahrgenommenen Todesfällen mit Homosexualität (vor allem männlicher Homosexualität) verbunden. Die ersten Pressereaktionen auf die „Schwulenpest“ oder „Homosexuellen-Seuche“ stellen dabei nur die offensichtlichsten Auswüchse einer Geschichte der Stigmatisierung und Diskriminierung von Homosexuellen im Allgemeinen und HIV-Infizierten und Aidskranken im Besonderen dar. Die Germanistin Constanze Fiebach zeichnet die Geschichte dieser Stigmatisierung nach, von den ersten Ausbrüchen der Krankheit bis zu aktuellen gesetzgeberischen Interventionen, um dann die Darstellung von HIV und AIDS anhand der beiden Oscar-prämierten Spielfilme „Philadelphia“ (1993) und „Dallas Buyers Club“ (2013), die beide in der breiten Öffentlichkeit auf große Resonanz gestoßen sind, zu untersuchen. Kann die Traumfabrik Hollywood hier einer Aufklärung über die Krankheit sowie einer Entstigmatisierung der Betroffenen dienen, oder werden lediglich tradierte Muster weitergetragen und einer Geschichte der Verklärung und Diskriminierung ein weiteres Kapitel hinzugefügt?
„Philadelphia“, in dem generell ein positiver und „normalisierter“ Umgang mit Homosexualität und AIDS dargestellt wird, hat dabei das Problem, dass bestimmte klischeehafte tradierte Rollenbilder (AIDS in erster Linie als Problem Homosexueller) weitergetragen werden. Dennoch wird der Versuch unternommen, diesen Bildern Alternativen zur Seite zu stellen, die sie relativieren. Das aktuelle Beispiel „Dallas Buyers Club“ bricht mit dem klassischen Bild des AIDS-kranken Homosexuellen, indem als Hauptfigur ein homophober, dem klassischen Bild vom texanischen Cowboy und Frauenhelden entsprechender Lebemann gewählt wird. Beide Filme bringen zwar zunächst klassische Klischees ein, allerdings werden diese im Laufe der Handlung entkräftet. Beide Filme können möglicherweise bei der „Identitätsarbeit“ des durch die Krankheit vom eigenen Körper entfremdeten Subjekts helfen. In jedem Fall leisten aber die realitätsnahen Arztfiguren in den Filmen durch das Aufzeigen realer Infektionswege Aufklärungsarbeit in Hygienefragen. Das Medium des Hollywood-Blockbusters ist in dieser Hinsicht aufgrund seiner massenhaften Rezeption jedenfalls sehr gut geeignet.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

„Iiiieh! Wie eklig!“ Kinderliteratur als Medium der Hygieneaufklärung – Katharina Fürholzer

Das meiste, das uns im Bereich der Aufklärung über Hygiene prägt, wird uns bereits in unserer Kindheit beigebracht. Die Literaturwissenschaftlerin Katharina Fürholzer untersucht, auf welche Weise Kinderbücher diese „fiktionale Prophylaxe“ in Angriff nehmen und ob sie dabei nicht vielleicht zum Teil genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie sich als pädagogisches Ziel gesetzt haben. Dabei zeigen sich die unterschiedlichsten Strategien der Hygieneerziehung. Während Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter von 1845 noch mit einem drastischen, über Ängstigen und Strafen funktionierenden Erziehungsprinzip arbeitet, wird dieser Effekt im Falle von „Karius und Baktus“, etwas mehr als einhundert Jahre später, stattdessen in eine Sympathie für die Krankheitserreger umgekehrt. Evolutionsbiologisch lässt sich vor allem die Verbindung von Ekel und Hygieneerziehung gut nachvollziehen: Ekel warnt den Organismus vor Gefahr für die Gesundheit. Das offenbar auf Dauer wenig erfolgreiche Evozieren von Scham, Angst und Schuldgefühlen weicht mit der Zeit der Maxime „Hygiene macht Spass“, die im Extremfall allerdings ebenso wenig dauerhaft hygienewirksames Verhalten hervorzurufen vermag. Auch Versionen klassischer Konditionierung à la Pawlow finden in der Kinderbuchsparte Anwendung, wenn etwa durch die Mantra-artige Wiederholung bestimmter Kernsätze eine Verhaltensänderung durch dauerhafte Verschmelzung von Reiz und Reaktion erreicht werden soll. Auch elterliche Bestrafung und der damit verbundene Liebesentzug werden, etwa über das elterliche „Ekelgesicht“, als Triebfedern einer der Hygiene zuträglichen Verhaltensänderung verwendet. So wird die Erwartungshaltung seitens der Eltern auch in diesem Bereich als Leitfaden kindlichen Verhaltens genutzt. Auch die Konnotation von Hygiene und Spaß kommt verstärkt zum Einsatz, lässt aber oft genug nachhaltige Aufklärung vermissen, wenn die Verbindungslinie zwischen Hygiene und der Gefahr von Krankheit nicht mehr gezogen wird. Neben der der Hygieneerziehung offensichtlich abträglichen Darstellung von Krankheitserregern als Identifikationsfiguren auf der einen Seite steht, verwunderlicher Weise immer noch, die Darstellung von Arzt und Medizin als furchterregend oder schmerzhaft.

Während sich die Kinderliteratur in der Zahnmedizin zunehmend von ihren (Kinder-) Krankheiten emanzipiert, klaffen in weiten Bereichen anderer Körperpflege-Erziehung zum Teil immer noch entweder große Erklärungslücken oder aber die Verantwortung für Hygiene wird von den Eltern als Erziehungsberechtigten und –pflichtigen abgekoppelt und auf das Kind übertragen. Nur eine genaue Reflexion von Zwecken und Mitteln kann in der Hygieneerziehung durch Kinderbücher zu dauerhaft der Gesundheit förderlichen Verhaltensweisen führen und die Implementierung möglicherweise sogar gesundheitsschädlicher Muster verhindern.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

„Wasch ab meine Schuld, von meinen Sünden mache mich rein“ Zur bleibenden Mythologie von Hygiene und Waschung – Mathias Wirth

Die Hygiene scheint in nach-aufklärerischer Zeit so omnipräsent im menschlichen Alltag zu sein, wie Kirche und Religion davor. Der Theologe Mathias Wirth zeigt Aspekte des Waschens und Reinigens auf, die nichts (oder zumindest nicht vordergründig) mit Desinfektion zu tun haben. Besonders die Verwendung von Wasser zeigt dabei die mythisch-religiösen Ursprünge der Hygiene. Neben der Reinigung von Schmutz oder Bakterien steht noch die Reinigung von Schuld und Scham, die, nicht nur in der christlichen Religion, der Kraft des Wassers und seiner rituellen Verwendung zugeschrieben wird. Hygiene erscheint so teilweise als säkularisierte Form religiöser Praxis. Von der Verwendung von Weihwasser zu kirchlichen Anlässen bis zur Austreibung von Krankheiten und Dämonen und den heilenden Quellen, die jedes Jahr unzählige Pilger anziehen ist Wasser jedenfalls im Christentum allgegenwärtig. Dem Wandel vom Mythos zum Logos scheint der Wandel der magischen zur hygienischen Bedeutung von Wasser und Waschen zu folgen, womit die Sehnsucht der Menschen nach einer religiösen Geborgenheit selbstverständlich nicht verschwunden ist. Der Mensch bleibt „animal symbolicum“ (Cassirer), muss sich sein Leben anhand von Mythen und Riten deuten. Auch in der profanen, der Hygiene dienenden Waschung etwa im Bad, sucht der Mensch hintergründig Geborgenheit und Reinheit.

Die mythisch-religiösen Elemente der Hygiene müssen auch deshalb im Auge behalten werden, weil sonst die Gefahr besteht, die Hygiene-Aufklärung, die sich im Sinne Horkheimers und Adornos verkehren und gegen den Menschen wenden kann, nicht erkennen zu können. Entritualisierung, Entzauberung der Welt bedeutet immer auch einen Verlust an Heilserfahrungen, die Menschen in ihrem Leben einen Halt zu geben vermögen, den profane Reinigung oder Hygiene nicht zu bieten haben. Die kritische Hinterfragung einzelner Riten muss und darf deshalb selbstverständlich nicht aufgegeben werden. Eine unreflektierte Wissenschaftsgläubigkeit, die letztlich Medizin, Physik oder andere Naturwissenschaften auf den Thron der Unantastbarkeit hebt, birgt aber genauso Gefahren wie auf der anderen Seite religiöser Fanatismus.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

„Wasche dich, denn Islam ist Sauberkeit!“ Hygiene, Körperpflege, rituelle Reinheit im Islam – Nils Fischer

Im Islam ist die rituelle Reinheit ein so wesentlicher Teil der Religion, dass sie zu den fünf Pfeilern des Islam gezählt wird (Gebet, Almosen, Fasten, Pilgerfahrt, rituelle Reinheit). Der Islamwissenschaftler und Philosoph Nils Fischer spürt der Geschichte der rituellen Reinheit im Islam und ihren Unterschieden zu und Gemeinsamkeiten mit gewöhnlicher Körperhygiene nach, von Aussprüchen des Propheten Mohammed bis zu Überlegungen zur Durchführbarkeit ritueller Waschungen im Weltall. Religionsrechtlich ist ein Gebet nur dann gültig, wenn der Gläubige davor in den Zustand der rituellen Reinheit eingetreten ist. Im Alltag ist es für gläubige Muslime fast unmöglich, diesen Zustand der Reinheit aufrechtzuerhalten, was beim Gebot des fünfmaligen Gebetes pro Tag zu Schwierigkeiten führt, die islamische Rechtsgelehrte seit Jeher beschäftigen. Dabei besteht schon keine Einigkeit über Gründe für rituelle Unreinheit; Einig ist man sich darüber, dass Alkohol, Schweine und Hunde, Tierkadaver und menschliche wie tierische Körperausscheidungen aller Art unrein sind, ob allerdings Dinge wie Schlaf oder das Berühren von Ungläubigen dazu zählen, ist umstritten. Die rituelle Unreinheit lässt sich, je nach ihrer Schwere, durch eine kleine oder eine große rituelle Waschung aufheben. Während die kleine Waschung vor jedem Gebet obligatorisch ist, wird die große Waschung, die den gesamten Körper einbezieht, nur nach sexuellen Handlungen notwendig. Auch am Freitag, dem heiligen Tag der Muslime und vor großen Festen oder Pilgerfahrten ist sie angeraten. Dabei verliert der Hammam, das Badehaus, im muslimischen Alltag zusehends an Bedeutung, da auch das Badezimmer zur großen Waschung dienen kann. Islamische Rechtsgelehrte gehen bei ihren Überlegungen auch auf alltägliche Probleme, die die rituelle Waschung hervorrufen kann, ein. So ist es auf Reisen auch möglich, sie, wo kein Wasser vorhanden ist, mit Sand oder Erde durchzuführen, oder für Astronauten sogar durch das Reiben der Hände an trockenen oder sauberen Oberflächen. Islamisches Recht befasst sich also auch mit sehr modernen und speziellen Problemen.

Die rituelle Waschung des Islam darf nicht mit der alltäglichen Körperhygiene verwechselt werden. Dennoch wird unter islamischen Rechtsgelehrten diskutiert, ob Mohammed mit seinen Bemerkungen zur rituellen Reinheit der Gläubigen nicht möglicherweise den Nutzen für die Hygiene und generelle Gesunderhaltung erkannt und einbezogen habe. Trotz der Uneinigkeit in vielen Einzelheiten und des Fehlens einer allgemein gültigen rechtlichen Instanz im Islam besteht Einigkeit darüber, dass der Islam eine Religion ist, in der Hygiene und Reinheit eine herausragende Rolle spielen.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

Hygiene in der Mongolei – Tsagaan Gantumur

Der größte Reichtum der Mongolei besteht in seinen zahlreichen Bodenschätzen (Kohle, Kupfer, Uran, Erdöl, Gold, Silber und seltene Erden). Die Chance auf eine deutliche Erhöhung des Lebensstandards der Bevölkerung auch in gesundheitlicher und hygienischer Hinsicht ist also gegeben. Die Medizinerin Tsagaan Gantumur, die selbst Hygieneschulungen in der Mongolei durchführt, gibt einen Einblick in eine Kultur, die gerade erst im Begriff ist, Hygienestandards zu entwickeln. Bei dieser Entwicklung und landesweiten Etablierung ergeben sich einige landesspezifische Probleme. Während die Hauptstadt Ulaanbataar, in der Rund die Hälfte der drei Millionen Mongolen lebt, Probleme damit hat, ihre Infrastruktur auch im Gesundheitswesen synchron mit dem Wachstum der Einwohnerzahl voranzutreiben, sind den Bewohnern anderer Gebiete, die hauptsächlich in Jurten leben, westliche Hygienestandards zum Teil noch gänzlich unbekannt. Das Land ist zudem erst seit 1921 gänzlich unabhängig von China und wurde bis 1989 kommunistisch regiert, gilt aber seit 1990 als die stabilste Demokratie Asiens. Ab 1941 entwickelt sich unter dem Einfluss der Sowjetunion ein Gesundheitssystem, das westlich geprägt ist und von der zuvor vorherrschenden traditionellen chinesischen Medizin Abstand nimmt. In dieser Zeit entwickelt sich auch eine staatliche Infektionskontrolle. Die größten Probleme, mit denen die Mongolei infektionstechnisch zu kämpfen hat, sind Tuberkulose und die weite Verbreitung von Hepatitis B und C. Auch die Pest, die vermutlich hauptsächlich durch Murmeltiere übertragen wird, ist in hier noch nicht vollständig besiegt. Bei den auch in der Mongolei meldepflichtigen Krankenhausinfektionen stellt sich das Problem einer unzureichenden Meldung. Die Mängel, die im Gesundheitssystem noch herrschen, sind weitgehend bekannt und ministerielle Erlasse sollen diese auch beheben, dabei wird jedoch oft das mangelnde Budget der Krankenhäuser außer Acht gelassen, das eine adäquate Umsetzung unmöglich macht. Fortschritte in der Infektionsprävention und allgemeinen Krankenhaushygiene lassen sich aber, auch dank mongolisch-deutscher Kooperation, durchaus beobachten.

Die Mongolei ist ein Land, das sich aufgrund seiner kulturell-historischen Andersartigkeit schlecht mit westlichen Industrienationen vergleichen lässt, Kooperationsprojekte mit anderen Ländern erweitern aber Wissen und Möglichkeiten um und in der Hygieneaufklärung und Umsetzung von Hygienestandards. Ein Problem, dass in der Mongolei allerdings besonders stark zur Geltung kommt, ist die Landflucht. So zieht hygienetechnisch ausgebildetes Personal oft genug in die Hauptstadt um, die bessere Chancen bietet als das Land. Dieser Fakt erschwert zusätzlich eine landesweite und dauerhafte Verbesserung des Hygiene- und Gesundheitsstandards.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.

Hygiene in China – Von der Einführung westlicher Wissenschaften in China bis zur Hygiene in der harmonischen Gesellschaft – Michaela Diercke

In China gibt es bereits vor der Einführung westlicher Wissenschaften Hygienemaßnahmen und –konzepte sowohl im privaten wie auch im gesellschaftlichen Raum. Diese Konzepte unterscheiden sich aber zum Teil in signifikanter Weise von unseren westlichen Vorstellungen. Die Sinologin Michaela Diercke zeichnet die Geschichte des Hygienebegriffes in China nach und zeigt den Wandel, dem er unterliegt, sei es aus ideologischen oder kulturellen Gründen, auf. Obwohl das Konzept übertragbarer Krankheiten in China bereits vor der Einführung der westlichen Medizin bekannt ist, wird es im weltanschaulichen Kontext des Geister- und Dämonenkultes und später im konfuzianistischen Sinne auf sehr andere Art gedeutet. Das westliche Konzept von Hygiene kommt erst im späten 19. Jahrhundert ins Land. Dies geschieht über von Missionaren betriebene Gesundheitsstationen, lässt sich aber auch über immer mehr in die Heimat zurückkehrende Chinesen, die im Ausland studiert hatten und den Einfluss Japans auf China in dieser Zeit erklären. Die ersten Probleme stellen sich hier bereits bei der adäquaten Übersetzung des westlichen Konzeptes. Heute wird für Hygiene der Begriff „weisheng“ verwendet (von „wei“ für bewahren/beschützen und „sheng“ für Leben). Der von dem japanischen Arzt Nagayo Sensai gewählte Begriff transportiert neben den neuen Konnotationen auch den Chinesen bereits bekannte daoistische Konzepte mit. Um diese Zeit erfährt der Hygienebegriff in China eine Bedeutungserweiterung, die neben individuellen Hygienemaßnahmen nun auch den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmen umfasst. Als Anfang des 20. Jahrhunderts in der Mandschurei die Lungenpest ausbricht, leisten in westlicher Medizin ausgebildete Ärzte (neben begünstigenden politischen Spannungen) durch erfolgreich durchgeführte Quarantänemaßnahmen ein gutes Stück Überzeugungsarbeit zu Gunsten des neuen Hygiene-Konzeptes. Im Zuge der Vierte-Mai-Bewegung wird Hygiene in China aber auch immer wieder zu ideologischen Zwecken instrumentalisiert. Ziel der „patriotischen Hygienebewegung“ ist dabei neben der Bekämpfung von Infektionskrankheiten auch die Politisierung und Mobilisierung der Massen zu nationalistischen Zwecken. Nach dem Tode Maos und während der stückweisen Öffnung Chinas wird Gesundheit auch zur Bürgerpflicht, die den wirtschaftlichen Aufschwung mit absichert. Das später von Hu Jintao eingeführte Konzept der „harmonischen Gesellschaft“ wird auch auf die Hygiene übertragen und soll helfen, das von Korruption und mangelhaften Krankenversicherungssystemen erschütterte Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient wiederherzustellen.

Die Entwicklung der Hygiene in China zeigt, wie sich zunächst scheinbar vollkommen inkompatible kulturelle Vorstellungen miteinander verzahnen und ineinander integrieren lassen. Ein interkultureller Austausch kann dabei den Horizont auf beiden Seiten erweitern und letztlich das Verständnis füreinander und das Verständnis der eigenen wie auch der fremden Hygienekonzeption erweitern und vorantreiben.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in:                                                                                                          Ingensiep, H.W. / Popp, W. (Hrsg.): Hygiene-Aufklärung im Spannungsfeld zwischen Medizin und Gesellschaft. München/Freiburg: Alber-Verlag 2016.