Noro-Virus

Das N. ist ein weltweit verbreitetes Virus, das 18% aller Gastroenteritis-Fälle (Magen-Darm-Grippe) auslöst. Das Virus (früher: Norwalk-like-Virus) wird 1972 entdeckt. Derzeit unterscheidet man neun Virustypen vom Gentyp GI und zweiundzwanzig vom Gentyp GII, die beim Menschen Erkrankungen hervorrufen. Durch Gendrift und -rekombination wird der vorherige dominante Typ alle drei bis vier Jahre komplett verdrängt. Der Virus wird über Stuhl und Erbrochenes auch noch mindestens sieben bis vierzehn Tage nach einer akuten Erkrankung ausgeschieden. Die resultierende Durchfallerkrankung wird durch Ersatz der verlorenen Flüssigkeit behandelt, ein wirksames antivirales Mittel gibt es derzeit nicht.

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Elektronenmikroskopische Aufnahme des Noro-Virus. Quelle: www.rki.de

Vgl.: www.rki.de

Inkubation, die

Mit I. wird der heilsame Tempelschlaf der Patienten im Tempel des griech. Heilgottes Asklepios (auch von den Römern verehrt), dem Asklepieion (Ἀσκληπιεῖον), bezeichnet. Die Tempelanlagen verfügen in der Regel über ein angeschlossenes Sanatorium mit Liegehallen. Der Begriff kommt vom lat. „incubare“ (brüten, liegen auf) und findet sich heute noch in der „Inkubationszeit“, die eine Krankheit von der Infektion bis zum Ausbruch benötigt sowie in der Biologie bei der Brut wieder.

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Statue des Asklepios, römische Kopie aus Marmor eines griech. Originals, 5. Jahrhundert v.Chr.

Vgl. Jetter 1992.

 

Zika-Virus

Das Z. ist eine Viruserkrankung, die hauptsächlich von der „Gelbfiebermücke“ (aedes aegypti) übertragen wird und in Afrika, Asien und Teilen Südamerikas verbreitet ist.  Das Z. gehört zur Gattung der Flaviviren. Die Symptome sind Hautausschlag, Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen, Bindehautentzündung und Fieber. Der Krankheitsverlauf selbst ist im Gegensatz zu anderen Tropenkrankheiten eher schwach ausgeprägt, der Verdacht, dass das Virus im Zusammenhang mit Kopf- und Hirnfehlbildungen von Kindern im Mutterleib steht, führt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) allerdings 2016 dazu, eine „gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite“ auszurufen. Im April bestätigt das US-Gesundheitsministerium CDC den Verdacht. Seinen Namen hat das Virus von seinem Entdeckungsort, es wird erstmals 1947 im Zikawald in Uganda bei einem Affen isoliert. Ausbrüche beim Menschen werden 2007 in Mikronesien und ab 2013 in anderen pazifischen Inselstaaten sowie 2015/2016 in Süd- und Mittelamerika registriert.

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Die ägyptische Tigermücke (aedes aegypti), die neben dem Zikavirus auch Gelbfieber und andere Viruserkrankungen überträgt. Quelle: www.rki.de

Vgl. www.rki.de

BSE, die

Die B. („bovine spongiforme Enzephalopathie“, dt. „schwammartige Hirnkrankheit des Rindes“) wird erstmals 1985 bei Rinderherden in Großbritannien beobachtet. Erreger ist ein fehlerhaftes körpereigenes Protein (Prion-Protein). Bei den Tieren löst die Krankheit und die damit einhergehende krankhafte Veränderung des Gehirngewebes Ängstlichkeit, Aggressivität und Bewegungsstörungen aus, ihren Spitznamen „Rinderwahnsinn“ hat sie aufgrund dieser Symptome. Die Krankheit ist nicht therapierbar und endet für die Tiere immer tödlich. B. ist auch auf andere Tierarten und den Menschen übertragbar (Zoonose). Beim Menschen kann sie die ebenfalls immer tödlich verlaufende Hirnkrankheit Creutzfeldt-Jakob auslösen. Als Ursache für B. wird die Verfütterung von Knochenmehl an die Tiere vermutet. Bestätigt ist diese Vermutung allerdings nicht. Bis 1993 werden Rinder aus UK noch ins Ausland (auch nach Deutschland) exportiert, wodurch sich B. auch auf das Festland ausbreiten kann. Seit dem Jahr 2000 ist die Verfütterung von Tiermehl in der Tierhaltung europaweit verboten. Die Krankheit tritt nach wie vor auch vereinzelt in Deutschland auf.

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Mikroskopische Aufnahme der durch BSE verursachten Hohlräume im Hirn eines Rindes.

Vgl. www.rki.de

Pettenkofer, Max von (1818-1901)

Max Josef von P. wird bei Neuburg an der Donau geboren. Nachdem der Liebig-Schüler 1847 Professor für medizinische Chemie in München wird, wendet er sich unter dem Eindruck einer schweren Cholera-Epidemie dort 1854 der Seuchenbekämpfung und Hygiene des Wassers zu. 1865 erhält er einen der ersten drei bayerischen Lehrstühle für Hygiene. Seine anti-kontagionistische Grundgesinnung bringt ihm Streit mit der Gruppe um Robert Koch in Berlin ein. Bereits vor der Begründung der Bakteriologie befreit P. München allein durch besseres Wasser vom Typhus. Den Erbadelstitel bekommt P. im Jahre 1883 verliehen. Seine Überzeugung, dass Krankheitserreger alleine für eine Infektion nicht ausreichen, versucht er 1892 in einer Vorlesung mit dem berühmt-berüchtigten Cholera-Frühstück unter Beweis zu stellen, bei dem er die Erreger schluckt. Er überlebt den Selbstversuch, erschießt sich jedoch am 10.02.1901 in seiner Wohnung. Er gilt als der „Begründer der Hygiene“.

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Max von Pettenkofer (1818-1901) um 1860.

Vgl. Jetter 1992

Eimerfrauen, die

Die E. sind vor allem im 18.-19.Jhdt. in Berlin laut polizeilicher Anordnung dafür verantwortlich, Defäkationen über Schleusen und Brücken in die Spree zu entsorgen. Die Sammlung menschlicher Ausscheidungen zur Weiterverwendung (Dünger, Gerbstoff etc.) ist allerdings in vielen Ländern bekannt und wird heute bspw. noch in Indien von Angehörigen der Kaste der Unberührbaren durchgeführt.

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„Eimerfrau“ in Berlin um 1800. Abb. aus Ingensiep/Popp 2016.

 

Vgl. Ingensiep in Ingensiep/Popp 2016

Macht, medizinisches Wissen und die Erfindung der „Typhoid Mary“ – Marouf A. Hasian

Der Fall der irischen Köchin Mary Mallon, als „Typhoid Mary“ in die Medizingeschichte eingegangen, zeigt, wie bei neuen medizinische Erkenntnissen und dem Aufrechnen gegen das Gemeinwohl Individuen unter die Räder geraten können. Der Kommunikationswissenschaftler Marouf A. Hasian Jr. untersucht das Netz von Wissenschaft, Politik und Recht, in das Mallon Anfang des 20. Jhdt.s gerät. Sie soll mindestens 53 Typhusfälle in New York verursacht haben. Das Außergewöhnlliche dabei ist, dass sie eine der ersten Bestätigungen des von Robert Koch vermuteten Phänomens von „gesunden Überträgern“ ist, die Krankheiten weitergeben, ohne selbst an ihnen zu erkranken. Der Fall nimmt seinen Anfang, als im August 1906 mehrere Mitglieder der Familie des Kaufmanns Charles Warren bei dem Besuch eines Ferienhauses auf Long Island an Typhus erkranken. Der Vermieter schaltet den Gesundheitsingenieur George Soper ein, der nach Untersuchung des Hauses auf Quellen der Erkrankung zu dem Schluss gelangt, eine der Köchinnen könnte die Erkrankungen verursacht haben. Soper stellt Mary Mallon in New York, wird aber zunächst von ihr vertrieben (einer Version der Geschichte nach mit einer Bratengabel). Er schaltet die Inspektorin des Gesundheitsamtes S. Josephine Baker ein, die Mallon mit der Polizei abholt. Der Autor stellt fest, dass Mallon ihre soziale Handlungsfähigkeit in dem Maße verliert, in dem sie in die Krankheit selbst verwandelt wird. Der „Typhusträger“ als wandelnde Gefahr für die Gesellschaft erfordert auf der Gegenseite den wachsamen Gesundheitsinspektor. Mary Mallon wird als „Typhoid Mary“ somit zu einer rhetorischen Legitimation der aufkommenden Bakteriologie und vor allem der politischen und rechtlichen Maßnahmen, die die Aufrechterhaltung der öffentlichen Gesundheit notwendig macht. Allerdings ist der „gesunde Überträger“ wie der Name bereits suggeriert, eigentlich gesund und es stellt sich die Frage, wann und wie lange eine Quarantäne als strafrechtliche Maßnahme verhängt werden darf. Die Vorgehensweise der Gerichte orientiert sich dabei stark an der Vorstellung, dass bestimmte „Rassen“ ein größeres Risiko tragen als andere, was eine besondere Aufmerksamkeit Ausländern gegenüber zur Folge hat. Das Gespenst des „fremden Anderen“ geistert auch durch die Vorstellung von Infektionskrankheiten. Mary Mallon setzt sich aber zur Wehr, beteuert ihre „Unschuld“ öffentlich und privat und bestellt eigene Ärzte, die ihr z. T. keine Typhusträgerschaft nachweisen können (vielleicht weil sie, wie vermutet wird, „intermittierende Typhusträgerin“ ist und es Zeiten gibt, in denen sich die Bakterien nicht nachweisen lassen. Nach drei Jahren Quarantäne auf North Brother Island wird Mallon 1910 entlassen, man hatte ihr alle Vorsichtsmaßnahmen beigebracht und ihr das Versprechen abgenommen, keine Stelle als Köchin mehr anzunehmen. Dagegen verstösst sie allerdings, arbeitet unter falschem Namen an wechselnden Orten weiter und wird 1915 erneut verhaftet, wonach sie bis zu ihrem Lebensende in Quarantäne bleibt, allerdings mit einem Job im Quarantänelabor und einem Landhaus, in dem sie Gäste empfangen darf (bis zur Essenszeit). Das Stigma der Krankheit wird von „Typhoid Mary“ schließlich gewissermassen internalisiert und als ihr Schicksal angenommen. Nicht nur als historische Kuriosität ist der Fall der „Typhoid Mary“ interessant, mit jedem Aufkommen einer neuen gefürchteten Krankheit (seit den 1980er Jahren zuvorderst AIDS) müssen die Mechanismen, die persönliche, gesundheitspolitische und juristische Faktoren verzahnen erneut kritisch geprüft werden.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: P. Sarasin u. a. (Hrsg.): Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2007.

Paternalismus, der

Unter P. (vom lat. „pater“ für „Vater“) versteht man den Versuch Einzelner oder des Staates, das Wohlergehen einer Person auch ohne ihre Einwilligung oder sogar gegen ihren Willen durchzusetzen. Damit geraten paternalistische Maßnahmen in Konflikt mit der Autonomie von Personen. Dennoch sind sie etwa in der Verkehrsordnung alltäglich und werden im Hygienekontext etwa bei der Zwangsisolation infizierter Patienten durchgesetzt. P. wird in der Regel damit gerechtfertigt, dass ein voll informierter und rationaler Akteur ihm zustimmen würde.

Vgl. etwa O. Höffe: Lexikon der Ethik. 6. überarbeitete Auflage. München: C.H. Beck 2002, S. 196-197.

Antibiotika-Resistenz: Ethische Aspekte einer drängenden Herausforderung – Jasper Littmann/Alena Buyx

Die in immer größerem Maße vorhandene Antibiotika-Resistenz bestimmter Keime und die damit zusammenhängende steigende Anzahl von nosokomialen Infektionen droht uns nach den gewaltigen Fortschritten, die die Medizin mit dem Aufkommen der Bakteriologie und der Entdeckung und Weiterentwicklung von Antibiotika gemacht hat in Hinsicht auf bestimmte Erreger wieder in eine prekäre Lage zu bringen, in der wir seit Mitte des 19. Jhdt.s nicht mehr gewesen sind. Die Medizinethiker Jasper Littmann und Alena Buyx untersuchen die ethischen Probleme und Herausforderungen, die mit dieser Entwicklung bspw. hinsichtlich des Infektionsschutzes und der Krankenhaushygiene einhergehen. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO sieht hier eine der größten Herausforderungen des 21. Jhdt.s; zu dem offensichtlichen Leid der Patienten kommen die hohen Kosten für das Gesundheitssystem und damit die Allegemeinheit, die durch Krankenhausinfektionen entstehen. Gleichzeitig stagniert die Entwicklung neuer Antibiotika (für Pharmakonzerne ist die Forschung an Antibiotika vergleichsweise unattraktiv, weil langwierig und mit geringer Gewinnaussicht verbunden) und die Warnung der WHO vor einem post-antibiotischen Zeitalter, in dem wir uns nicht mehr auf Medikamente im Kampf gegen Bakterien verlassen können, ist leider keine übertriebene Schwarzmalerei. Die drei Hauptgründe für die Resistenz sind einmal die unzureichende oder zu kurze Einnahme durch die Patienten, dann die Verschreibung auch bei trivialen Erkrankungen und die massenhafte Antiobiotikagabe in der Tierhaltung, die auch auf den Konsumenten zurückschlägt. Neben der Rationalisierung der Antibiotikagabe wird deshalb auch die Rationierung von Antibiotika kontrovers diskutiert. Bereits bestehende ethische Probleme in der Infektionskontrolle verschärfen sich durch MRE. So müssen Patienten, die sich eine Krankenhausinfektion zugezogen haben, zum Schutz ihrer Mitpatienten und der Öffentlichkeit häufiger isoliert werden. Die Isolation belastet den Patienten selbst, das Krankenhauspersonal und das Budget. Es gerät hier das Recht auf Selbstbestimmung des Patienten in Konflikt mit dem Recht der Öffentlichkeit, vor Schaden bewahrt zu werden. Wenn sich ein Patient weigert, die informierte Einverständniserklärung zu Isolationsmaßnahmen zu unterschreiben, muss oft harter Paternalismus greifen und die Maßnahme gegen den Patientenwillen durchgesetzt werden. Auch die Knappheit von Ressourcen im Gesundheitswesen wird durch multiresistente Erreger verstärkt. Als zusätzliches ethisches Problem identifizieren die Autoren die Spannung zwischen dem offensichtlichen persönlichen Nutzen in der Behandlung mit Antibiotika und dem schwer einzuschätzenden Schaden für die Allgemeinheit durch Resistenzbildung. Gerade weil der Schaden durch Resistenzbildung zeitlich und räumlich schwer einzuschätzen ist, wird die Kommunikation eines ethisch korrekten Antibiotikagebrauchs beim individuellen Patienten schwierig. Ein vertragstheoretischer Ansatz, der sich auf Prinzipien gründet, die niemand berechtigterweise zurückweisen kann (Scanlon), scheint hier philosophisch vielversprechend. Die Risikoabwägung nach festgelegten Parametern, die im Klinikalltag etwa bei Eingriffen an älteren Patienten Gang und Gebe ist, existiert so allerdings für die Antibiotikagabe noch nicht. Mögliche Kriterien hierfür wären die Vermeidung von Verschwendung, Vermeidung oder Verringerung des Bedarfs durch Hygienemaßnahmen, die Entwicklung neuer Medikamente und Testverfahren (alles bereits teilweise umgesetzt) sowie eine zeitverzögerte Vergabe von Antibiotika bei Infektionen und die Einführung verbindlicher Leitlinien zur Antibiotikagabe. Die ethischen Grundlagen des rationalen und rationalisierten Antibiotikagebrauchs müssen allerdings auch mit einer verstärkten öffentlichen Kommunikation zur Verbreiterung des öffentlichen Diskurses einhergehen, um in politisch wirksame Maßnahmen zu münden.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: Ethik in der Medizin. Organ der Akademie für Ethik in der Medizin. Bd. 27, Heft 4, 12/2015. Berlin/Heidelberg: Springer, S. 301-314.